Aventin Blog: Sagen
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Dienstag, 21. Juni 2016

Geschichte vom Mäuseturm zu Bingen | Sage aus Deutschland


Wo aus dem Rheinstrom unterhalb von Bingen weiße Klippen gefahrdrohend emporragen und nur einen schmalen Raum -- Binger Loch -- für die Durchfahrt freilassen, da erhebt sich in der Nähe der Ruine Ehrenfels und unweit des Rheinsteins inmitten der schäumenden Fluten ein finsteres Gemäuer. Es ist 'Hattos Turm'. Von Eulen und Fledermäusen umflattert, erscheint er dem Beschauer wie das Haus eines Bösen, wie das Denkmal eines ungeheuren Frevels. 'Mäuseturm' nennt die Sage jenes Gemäuer, von dem der Schiffer mit Grauen das Gesicht abwendet. 
  
Einst lebte zu Mainz ein Erzbischof namens Hatto, dessen Herz rauh, hart und unempfänglich war gegen die Not der Bedrängten. Um diese Zeit brach am Rhein und rings in der Gegend eine große Hungersnot aus, so dass viele Menschen umkamen. Der Bischof jedoch, dessen Speicher voll mit Korn gefüllt waren, öffnete diese nur dem Wucher, aber nicht den Armen seines weiten Sprengels. Als die Not seiner Untertanen größer und größer wurde, fanden sich die hungernden Menschen in Scharen zusammen und flehten den gefühllosen Mann um Erbarmen und Nahrung an. Als sie merkten, dass dies umsonst war, murrten sie und fluchten dem Tyrannen in ohnmächtiger Wut. Aber das Herz des Bischofs regte sich nicht vor Mitleid sondern vor Zorn. Er ergrimmte so sehr, dass er seine Schergen ausschickte, die Murrenden zu fangen und sperrte sie sodann in eine große Scheune ein und ließ Feuer legen. Als die Unglücklichen von den Flammen ergriffen wurden und ihr Todesgeschrei bis in den Bischofspalast drang, bis an die Ohren des Unmenschen und aller derjenigen, die mit ihm an der üppigen Tafel saßen, da rief dieser in teuflischem Hohn: "Hört ihr die Kornmäuslein unten pfeifen?" Da wurde es plötzlich ganz still und die Sonne verhüllte ihr Antlitz. Im Saal wurde es dunkel, und die angezündeten Kerzen vermochten nicht mehr die Dämmerung zu durchbrechen, die den finsteren Mann von nun an umlagerte. Und siehe da! Im Saal begann es sich zu regen, und aus allen Winkeln, aus den Ritzen des Fußbodens, zu den Fenstern herein und von der Decke herab krochen und liefen Scharen nagender Mäuse und erfüllten alsbald alle Gemächer des Palastes. Ohne Scheu sprangen sie auf die Tische und benagten die Speisen vor den Augen der erstaunten Versammlung. Immer neue kamen hinzu, und kein Brotkrümel auf der Tafel blieb verschont und kein Bissen, der zum Mund geführt werden sollte. Da ergriffen Furcht und Entsetzen sie alle, die das sahen, und seine Freunde, seine Knechte und Mägde flohen in die Nähe des Geächteten. Der  aber wollte nur entrinnen, bestieg sodann eilends allein ein Schiff und fuhr den Rhein hinab bis zu jenem Turm, der von den Wellen des Stroms umspült wird. Dort wähnte er sich vor seinen unersättlichen Peinigern sicher. Doch auch hier wiederum krochen Tausende von Mäusen mit Gepfeife aus alIen Wänden hervor. Vergebens erstieg der Erzbischof Hatto, bebend vor Angst und stumm vor Entsetzen, die höchste Warte. Auch dahin folgten sie ihm, und heißhungrig fielen sie den unmenschlichen Spötter an. Bald war nichts mehr von ihm übrig. So lautet die Sage von jenem einsamen Turm mitten im Rhein.







Dienstag, 14. Juni 2016

Der Zwerg von Volkringhausen und das Hirtenmädchen


In der Nähe von Volkringhausen liegt eine Höhle. Dort wohnte vor Zeiten ein Zwerg, dem ein Hirtenkind aus Volkringhausen gar wohl gefiel. Das Mädchen fand einst am Berghang ein zierliches Hämmerchen. Da es glaubte, das müsse einem Zwerg gehören, legte es das Werkzeug in den Eingang der Höhle. Als das Mädchen sich umdrehte, stand plötzlich der Zwerg vor ihr, der sie aus dem Gebüsch heraus still beobachtet hatte. Er bedankte sich bei der ehrlichen Finderin und schenkte ihr ein Paar Schuhe mit silbernen Spangen. Das Mädchen war darüber so überrascht, dass es ganz vergaß, dem Männlein zu danken. Und als sie sich darauf besann, war der Zwerg verschwunden. Da wand sie einen Strauß von Immergrün, Engelsüss und Tausendschön, legte ihn vor der Höhle nieder und trieb dann die Herde heim. 

Am anderen Morgen, als die Hirtin wieder oben auf dem Felsen saß, wo sie ihre Herde am besten überschauen konnte und wo sie auch gern ihre frohen Lieder sang, stand, wie aus den Wolken gefallen, wieder der Zwerg vor ihr. Er reichte ihr einen silbernen Haarreifen und sprach: "Du bist ein gutes Kind. Bring mir in jedem Sommer einen Strauß, wie du es gestern getan hast, und ich will es dir lohnen. Den frischen Blumenstrauß aber lege unter den Rosendorn, der dort am Felsen steht." 

Das Hirtenkind erfüllte nun alljährlich den bescheidenen Wunsch des Zwerges, pflückte Immergrün und Engelsüss am Felshang und Tausendschön im Tal, trug den Strauß zur rechten Stelle hin und erhielt ein jedes Mal reichen Lohn. 

Nach sieben Jahren aber, als das Mädchen zur blühenden Jungfrau herangewachsen war, bat es den Zwerg, er möge sie doch einmal in das Reich der Zwerge führen und ihr zeigen, wo seine Wohnung sei. Das bekümmerte den guten Zwerg gar sehr, und er warnte es eindringlich und sprach: "Kind, lass ab von deinem Begehren, oder es wird dein Unglück sein!" Doch das Mädchen bestand auf ihrem Willen, denn die Schätze hatten ihr das Herz betört. Da nahm der Zwerg ein Eibenreis, steckte es ihr ins Haar, dass sie die Heimat nicht vergäße, hauchte ihr auf die Augen, damit ihr das unterirdische Licht nicht schade, und ging dann voran in den Berg. Das Mädchen schaute sich noch einmal um, ließ ihre Herde im Tal und folgte ihm. 

Als die Hirtin durch eine Pforte von leuchtendem Bergkristall geschritten war, stand sie ganz im Zauber der Unterwelt. Ihre Sinne waren verwirrt von all der Pracht und Herrlichkeit. Sprachlos folgte sie ihrem Führer und wanderte weiter und immer weiter. Und sie sah auch den König der Zwerge in Gold und Purpur auf dem Thron sitzen. Wie sie zuletzt an einen kleinen See kam, in welchem sich tausend farbige Lichter widerspiegelten, erblickte sie im Wasser ihr eigenes Bild. Und als sie das Eibenreis im Haar sah, gedachte sie der Mutter daheim und der trauten Gespielinnen und der Wiese im Tal. Und sie wünschte sich fort aus der Unterwelt, damit sie wieder unter Menschen wäre. 

Daraufhin wurde sie zurückgeführt und sah bald wieder das Sonnenlicht und stand am Berghang, dort, wo sonst der Rosendorn grünte. Aber der Dorn stand nicht mehr am Felsen, und die Bäumchen, die sonst am Berg wuchsen, waren in haushohe Stämme mit ausgedehnten Kronen verwandelt, und von der Herde war kein einziges Tier mehr zu finden. Da stand das Mädchen wie im Traum und glaubte, sie befände sich an einem fremden Ort. Schnell eilte sie hinunter ins Tal und suchte das Haus ihrer Mutter. Das Heimatdorf lag im stillen Frieden der Abendsonne, aber an der Stelle, wo sonst die Mutter wohnte, befand sich nur zerfallenes Gemäuer, und Brombeerranken legten sich darüber. Nur der alte Birnbaum mit der breiten Bank aus Stein war noch da. 

Wie das Mädchen nun auf der Bank saß, die Hände rang und klagte, kamen die Nachbarn herbei und fragten, was ihr Begehren sei; denn sie war allen fremd und unbekannt. Als sie aber ihren Namen nannte und erzählte, sie sei am Morgen in den Berg gestiegen, und nun nach wenigen Stunden habe sich alles so verändert, trat eine alte Frau hervor, schloss das Mädchen unter Tränen in die Arme und sprach: "Kind, Kind, was ist mit dir geschehen? Vor vielen Jahren bist du verschwunden, und alles Suchen war umsonst. - Deine Mutter ist gestorben, und als nach Jahren euer Haus in Rauch und Flammen aufging, sind Bruder und Schwester in die weite Welt gezogen, und keiner weiß wohin." Da wollte dem Mädchen die Brust zerspringen, und sie starb noch  am gleichen Tag vor lauter Herzeleid.






Dienstag, 26. April 2016

Der Schimmelreiter | Zeiningen | Sage aus der Schweiz


Einst lebte in Zeiningen ein reicher, äußerst geiziger Mann. Täglich reitet er auf einem Schimmel über seine Güter. Er lieh zu Zeiten der Not den bedrängten Bauern Geld zu Wucherzinsen aus, und wehe ihnen, wenn sie nicht just auf den Tag zahlen konnten. Mit unbarmherziger Härte jagte er sie von Haus und Hof und nahm die Güter selber in Besitz.

Fast der ganze Grundbesitz von Zeiningen war ihm so in die Klauen geraten. Aber als er sein Ende herannahen fühlte, packte ihn die Reue über sein ruchloses Leben. Es war zu spät. Er starb, und der Fluch der armen Leute folgte ihm übers Grab hinaus. Er wurde nicht wie ehrliche Leute auf dem Friedhof beerdigt, sondern man verscharrte ihn droben auf der „Eggmatt“, da, wo früher die vier Eichen standen. Seither reitet er jede Nacht auf einem Schimmel in der Geisterstunde um den Berg. Wenn die Glocke in Zeiningen ein Uhr schlägt, verschwindet er wieder. Wer Erbarmen hat mit ihm, der möge an seinem Grab suchen, bis er eine Schnur findet. Daran möge er dreimal ziehen, dann ist der nächtliche Reiter erlöst.






Dienstag, 5. April 2016

Der Berggeist Rübezahl und der Bauer | Sage aus dem Riesengebirge


Ein Bauer war einst in große Geldnot geraten. In seiner Bedrängnis wagte er es, sich an den Berggeist Rübezahl zu wenden. Er wanderte ins Gebirge, um ihn aufzusuchen. Dieser erschien dort auch dem Bauern und fragte ihn was sein Anliegen sei. Darauf antwortete der Bauer: "Ich möchte den Beherrscher des Riesengebirges untertänigst bitten, ob er mir nicht etwas Geld vorstrecken wollte." "Gern", erwiderte der Berggeist, "wieviel brauchst du denn?" Darauf der Bauer: "Großmächtiger Herr, könntet Ihr mir vielleicht hundert Taler borgen? Ich will sie Euch als ein redlicher Mann übers Jahr hier wieder zustellen." Hierauf entfernte sich Rübezahl und kam nach einem Weilchen wieder zurück. Er brachte einen Beutel mit dem Geld, das er dem Bauern lieh. 

Nach einem Jahr erschien der Bauer von neuem im Gebirge, am gleichen Ort wie im Vorjahr. Dort traf er einen Mann, der ganz anders aussah als jener, der ihm das Geld geliehen hatte. Daher stutzte der Bauer und war sich nicht sicher, ob es auch Rübezahl sei. Auf die Frage des Mannes: "Wo willst du denn hin, Bauer?" antwortete er daher "Ich wollte zum mächtigen Herrn des Riesengebirges und ihm, wie ausgemacht, das Geld zurückbringen, das ich im Vorjahr von ihm geliehen bekam." Darauf erwiderte der verkleidete Geist: "Mein lieber Bauer, der Rübezahl ist schon lange tot; geh mit deinem Geld wieder nach Hause und behalte es." Wer war da fröhlicher als unser Bauer! 






Dienstag, 15. März 2016

Berggeist Domine Johannes - Rübezahl - und seine Schatzkammer | Sage aus dem Riesengebirge

Im Riesengebirge wissen die Leute von mehreren Orten zu erzählen, die nach dem Berggeist benannt sind. 

Da ist Rübezahls Garten, in dem wertvolle Heilkräuter wachsen. Rübezahl wacht sorgfältig über sie und hat schon manchem Wurzelsammler oder gelehrten Botaniker übel mitgespielt, der in seinen Bereich eingedrungen ist, um kostbare Kräuter oder Wurzeln zu holen. 

Dann trifft man Rübezahls Schatzkammer, seine Kanzel, seine Kegelbahn, seinen Teich und seinen Rosengarten. Dieser hat eine aus Felsblöcken aufgemauerte, kreisrunde Einfriedung. Von seiner Entstehung erzählt man: eine Komtess wurde von einem Bären angefallen, aber durch einen Jäger gerettet. Sie verliebte sich in den Jäger. Ihr Vater zwang sie aber, ins Kloster zu gehen. Aus Gram darüber verstarb der Jäger. An der Stelle, wo er begraben wurde, legte darauf hin die Komtess den Rosengarten an. 

Viele fremde Leute kamen einst ins Riesengebirge, besonders Venetianer, um dort nach Gold oder anderen wertvollen Metallen zu suchen. Wenn sie die Schätze nicht auf natürliche Weise erlangen konnten, so erzählt man, suchten sie sie durch Zauberkünste und Teufelsbeschwörungen vom Berggeist zu erzwingen. Sie bekamen aber jedes Mal den Zorn Rübezahls in schrecklicher Weise zu spüren: unter gewaltigem Donnern und Blitzen wandte er sich gegen sie und oft konnten sie nur mit Mühe und Not unter großem Schrecken ihr Leben retten.





Dienstag, 1. März 2016

Die Zwerge vom Goldberg bei Hagen | Sage aus Deutschland


In alter Zeit lebten bei Hagen in einer Höhle im Goldberg Zwerge. Heimlich halfen sie den Menschen bei ihrer Arbeit. Am Fuße des Goldbergs lag eine Schmiede. Oft kamen die Zwerge des Nachts aus ihrer Höhle und gingen in die Schmiede. Dort fachten sie die Glut wieder an und schmiedeten Schwerter, Messer und Sensen. Sie verschwanden wieder, ehe die Schmiede am Morgen zur Arbeit kamen. 

Die Schmiede freuten sich über ihre unsichtbaren Helfer, denn die Zwerge schmiedeten viel bessere Klingen als sie selbst. Der Schmiedemeister verkaufte all diese Klingen mit sehr hohem Gewinn. Die Leute glaubten auch, dass die Zwerge einen goldenen Schatz in ihrer Höhle hüten würden. Zu gern hätten sie diesen Schatz gehabt. Deshalb beschlossen sie, den Schatz zu rauben. Eines Nachts beobachteten so die Schmiede, wie die Zwerge morgens die Werkstatt verließen und hielten den letzten der Zwerge fest. Der Zwerg bat inständig darum, sie möchten ihn doch bitte frei lassen. Dafür wollte er sie in die Höhle führen und reich beschenken. Nur  dürften sie dort aber weder sprechen noch streiten. Die Schmiede stimmten zu und der Zwerg führte sie sodann in die Höhle. Als die Schmiede aber die goldenen Schätze entdeckten, stürzten sie sich darüber her und jeder wollte am meisten raffen. Sie stritten sehr laut untereinander  und schrien sich giftig an. Da stieß der Zwerg mit einem Stock an die Decke der Höhle, welche über den Schmieden herabstürzte und alle tötete. 

Kein Zwerg wurde seitdem mehr gesehen. Die freundlichen Helfer waren und blieben für immer verschwunden.





Dienstag, 23. Februar 2016

Der Spatz und die Ulmer Bürger | Sage aus Deutschland

Als die Bürger der Stadt Ulm im Jahr 1377 begannen, ihr Münster mit dem höchsten Turm im Land zu bauen, trug sich folgende Begebenheit zu: Für das Baugerüst waren die längsten und kräftigsten Stämme in den naheliegenden Wäldern gefällt worden und vor das Stadttor geschafft. Dort aber merkte man, dass das Tor viel zu wenig breit war, um die Stämme hindurch zu bringen. Die klugen Ulmer beratschlagten und hätten gar schon das Tor samt dem schönen Turm darauf eingerissen, da zeigte einer von ihnen, der gerade in die Luft geguckt hatte, nach oben und rief: "ich hab's!" Da sahen die Männer einen kleinen Spatz, der ihnen sonst ganz unnütz dünkte, da er nur die Körner auf dem Feld weg fraß, wie er einen langen Halm in seine Nisthöhle schleppte. Anstatt quer mit ihm hängen zu bleiben, wie die Ulmer mit den Baumstämmen am Stadttor, zog der Spatz den Halm längs durch das kleine Loch. Das taten die Ulmer Bürger ihm nach und konnten ihr Münster doch noch fertig bauen. 

Zur Erinnerung an das kluge Tier setzten sie ihm ein goldenes Denkmal hoch oben auf dem First des Daches vom Münster. Dort kann man den Spatz von Ulm auch heute noch blinken sehen. Die Ulmer tragen seitdem den Spitznamen "Spatzen".





Dienstag, 16. Februar 2016

Sage vom Berggeist Domine Johannes - Rübezahl - und der Kräutersammlerin

Der Berggeist Rübezahl vom Riesengebirge hat öfters arme Leute reich und glücklich gemacht. So half er einer armen Kräutersammlerin, die sich verirrt hatte, auf den richtigen Weg, nahm ihr aber die Kräuter, die sie im Korb hatte, heraus und legte ihr Baumblätter hinein. Weil aber die Frau später wieder die gleichen Kräuter fand, warf sie die Baumblätter weg. Einige davon waren aber im Korbgeflecht hängen geblieben. Als sie nach Hause kam, waren alle diese Blätter aus feinem Gold. Sogleich ging die Frau nochmals in den Wald zurück, um die weggeworfenen zu suchen, fand sie aber nicht mehr. Doch schon die wenigen Blätter, die ihr verblieben waren, machten sie sehr reich.

In alter Zeit hat man Rübezahl voller Ehrfurcht angeredet: Domine Johannes. Bergbewohner, die höher oben im Riesengebirge wohnen, wissen dies und vermeiden auch heute noch die dem Berggeist verhasste Benennung "Rübezahl", die als Spottname gilt. Dem Herrn Johannes hat man früher zur Zeit der Sommersonnenwende schwarze Hähne geopfert.





Dienstag, 26. Januar 2016

Die Felsen Mönch und Nonne an der Lenne ⋅ Sage aus Deutschland

Am Lenneufer, unweit eines kleinen Dorfes, liegen an der nach Iserlohn führenden Landstraße ein paar senkrecht aus dem Tal aufrecht stehende Kalkfelsen dicht nebeneinander, welche Heierstein oder auch Mönch und Nonne genannt werden. Beide Felsen ragen rund 100m in die Höhe. Da der Kalk von heller Farbe ist, hebt sich das Gestein deutlich vom Grün der umliegend bewaldeten Berge ab. Über dieser prächtigen Felsgruppe, welche einem menschlichen Paar sehr ähnlich sieht, liegt auf der Höhe des Burgberges eine alte ringförmige Umwallung. Am Fuße des Berges befinden sich mehrere Höhlen, in welchen Knochen aus alter Zeit gefunden wurden. 

So erzählt man sich, dass vor vielen Jahren ein Mönch in einem nahe gelegenen Kloster gelebt habe, der sehr streitsüchtig gewesen sei und von der strengen Ordnung, welcher Mönche im Kloster nun mal unterworfen sind, nichts wissen wollte. Darum sei er ausgebrochen, habe die geistlichen Drohungen seiner Brüder verlacht und sich mit andern Gesellen auf dem Burgberg ein stattliches Ritterschloss erbaut. Auch warb er um die Liebe einer Nonne, welche von ihren Verwandten in einem Frauenkloster untergebracht worden war, welche ihm mit Freuden auf die Burg folgte. Im täglichen Leben hätten beide der Sitte zum Trotz weiter ihre klösterliche Tracht getragen, welche aus langen, weißen Gewändern bestand. Lange Jahre hätten sie so auf dem Burgberg in Freuden und Eintracht gelebt. Nur einmal, als ein sehr heiliger Mann durch diese Gegend gezogen kam und er den beiden, Mönch und Nonne, ihr unsittliches und verwerfliches Leben vorwarf,  hätten sie diesen geradewegs in den Fluss Lenne werfen lassen. Sterbend weissagte der hl. Mann den Untergang der Frevler voraus, und wirklich, während sie noch am Ufer standen und die Worte des Sterbenden vernahmen, zog ein Unwetter auf, unter dessen Blitzen das Schloss mit allem, was darinnen war, in Schutt und Asche gelegt wurde. Die beiden Missetäter, Mönch und Nonne, ebenfalls vom Blitz getroffen, seien zu Stein erstarrt und müssen seitdem zum ewigen Gedenken an ihre Untat dort stehen bis ans Ende der Welt.






Dienstag, 15. Dezember 2015

Der Rattenfänger von Hameln • Sage aus Deutschland


Im Jahre 1284 ließ sich in Hameln ein sonderbarer Mann sehen. Er trug einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch, weswegen er Bundting geheißen haben soll, und gab sich für einen Rattenfänger aus. Er versprach für einen bestimmten Lohn die Stadt von allen Ratten und Mäusen zu befreien. Die Bürger wurden mit ihm einig und sicherten ihm den verlangten Betrag zu. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen aus der Tasche und begann eine eigenartige Weise zu pfeifen. Da kamen sogleich die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Sobald der Fänger glaubte, es sei keine mehr zurückgeblieben, schritt er langsam zum Stadttor hinaus, und der ganze Haufen folgte ihm bis an die Weser. Dort schürzte der Mann seine Kleider, stieg in den Fluss, und alle Tiere sprangen hinter ihm drein und ertranken.

Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der versprochene Lohn, und sie verweigerten dem Mann die Auszahlung unter allerlei Ausflüchten, so dass er sich schließlich zornig und erbittert entfernte. Am 24. Juni, am Tage Johannis des Täufers, morgens früh um sieben Uhr erschien er wieder, diesmal in Gestalt eines Jägers, mit finsterem Blick, einen roten, wunderlichen Hut auf dem Kopf. Wortlos zog er seine Pfeife hervor und ließ sie in den Gassen hören. Und in aller Eile kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mädchen, vom vierten Lebensjahr angefangen, in großer Zahl dahergelaufen. Darunter war auch die schon erwachsene Tochter des Bürgermeisters.

Der ganze Schwarm von Kindern zog hinter dem Mann her, und er führte sie vor die Stadt zu einem Berg hinaus, wo er mit der ganzen Schar verschwand. Dies hatte ein Kindermädchen gesehen, das mit einem Kind auf dem Arm weit rückwärts nachgezogen war, dann aber umkehrte und die Kunde in die Stadt brachte. Die Eltern liefen sogleich haufenweise vor alle Tore und suchten jammernd ihre Kinder. Besonders die Mütter klagten und weinten herzzerreißend. Sofort wurden Boten zu Wasser und zu Land an alle Orte umhergeschickt, die nachforschen sollten, ob man die Kinder oder auch nur einige von ihnen irgendwo gesehen habe; aber alles Suchen war vergeblich.

Hundertdreißig Kinder gingen damals verloren. Zwei sollen sich, wie man erzählt, verspätet haben und zurückgekommen sein, wovon aber das eine blind, das andere taubstumm war. Das blinde Kind konnte den Ort nicht zeigen, wo es sich aufgehalten hatte, wohl aber erzählen, wie sie dem Spielmann gefolgt waren, das taubstumme Kind nur den Ort weisen, da es nichts gehört hatte und auch nicht sprechen konnte. Ein kleiner Knabe war im Hemd mitgelaufen und nach einiger Zeit umgekehrt, um seinen Rock zu holen, wodurch er dem Unglück entgangen war; denn als er zurückkam, waren die andern schon in der Senkung hinter dem Hügel verschwunden. Die Straße, auf der die Kinder zum Tor hinausgezogen waren, hieß später die bunge-lose (trommeltonlose, stille) Straße, weil kein Tanz darin abgehalten und kein Saitenspiel aufgeführt werden durfte. Ja, wenn eine Braut mit Musik zur Kirche geführt wurde, mussten die Spielleute in dieser Gasse ihr Spiel unterbrechen. Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt der Poppenberg. Dort sind links und rechts zwei Steine in Kreuzform zur Erinnerung an dies traurige und seltsame Ereignis errichtet. Die Bürger von Hameln haben diese Begebenheit in ihrem Stadtbuch verzeichnen lassen. Im Jahre 1572 ließ der Bürgermeister die Geschichte auf den Kirchenfenstern abbilden.






Dienstag, 17. November 2015

Der Bergmönch im Harz • Sage • Brüder Grimm

Zwei Bergleute arbeiteten immer gemeinschaftlich. Einmal als sie anfuhren und vor Ort kamen, sahen sie an ihrem Geleucht, dass sie nicht genug Öl zu einer Schicht auf den Lampen hatten. "Was fangen wir da an?" sprachen sie miteinander, "geht uns das Öl aus, so dass wir im Dunkeln sollen zutag fahren, sind wir gewiss unglücklich, da der Schacht alleine schon gefährlich ist. Fahren wir aber jetzt gleich aus, um von zu Haus Öl zu holen, so straft uns der Steiger und das mit Lust, denn er ist uns nicht gut." Wie sie also besorgt standen, sahen sie ganz fern in der Strecke ein Licht, das ihnen entgegenkam. Anfangs freuten sie sich, als es aber näher kam, erschraken sie gewaltig, denn ein ungeheurer, riesengroßer Mann ging, ganz gebückt, in der Strecke herauf. Er hatte eine große Kappe auf dem Kopf und war auch sonst wie ein Mönch angetan, in der Hand aber trug er ein mächtiges Grubenlicht. Als er bis zu den beiden , die in Angst und Schrecken da stillstanden, geschritten war, richtete er sich auf und sprach: "Fürchtet euch nicht, ich will euch kein Leid antun, vielmehr Gutes", nahm ihr Geleucht und schüttete Öl von seiner Lampe darauf. Dann aber griff er ihr Gezäh und arbeitete ihnen in einer Stunde mehr, als sie selbst in der ganzen Woche bei allem Fleiß herausgearbeitet hätten. Nun sprach er: "Sagt's keinem Menschen je, dass ihr mich gesehen habt", und schlug zuletzt mit der Faust links an die Seitenwand; sie tat sich auseinander, und die Bergleute erblickten eine lange Strecke, ganz von Gold und Silber schimmernd. Und weil der unerwartete Glanz ihre Augen blendete, so wendeten sie sich ab; als sie aber wieder hinschauten, war alles verschwunden. Hätten sie ihre Bilhacke (Hacke mit einem Beil) oder sonst nur einen Teil ihres Gezähs hineingeworfen, wäre die Strecke offen geblieben und ihnen viel Reichtum und Ehre zugekommen; aber so war es vorbei, wie sie die Augen davon abgewendet. 

Doch blieb ihnen auf ihrem Geleucht das Öl des Berggeistes, das nicht abnahm und darum noch immer ein großer Vorteil war. Aber nach Jahren, als sie einmal am Sonnabend mit ihren guten Freunden im Wirtshaus zechten und sich lustig machten, erzählten sie die ganze Geschichte, und Montagsmorgen, als sie anfuhren, war kein Öl mehr auf der Lampe, und sie mussten nun jedesmal wieder, wie die andern, frisch aufschütten.






Dienstag, 3. November 2015

Der Schatz von Schwerte • Sage aus Deutschland

Auf dem Weidenhof bei Schwerte liegt schon seit undenklichen Zeiten ein reicher Schatz vergraben, von dem man aber nichts anders weiß, als dass eine verwünschte Jungfrau ihn bewachen muss. 

Als im dreißigjährigen Krieg viele Soldaten in der Stadt lagen, gingen einst zwei von diesen des Abends in ein Wirtshaus, welches da stand, wo jetzt die Schwerter Mühle liegt. Gegen Mitternacht kehrten sie in ihr Quartier zurück. Ihr Weg führte sie über den Weidenhof. Als sie auf diesem ankamen, sahen sie plötzlich eine weiße Jungfrau vor sich stehen, worüber sie sehr erschrocken waren und zunächst davon laufen wollten. Aber die Jungfrau rief einen von ihnen beim Namen. Da fasste sich dieser ein Herz und fragte sie: "Was tust du hier?" Worauf sie antwortete: "Ich bewache hier einen Schatz," und sie fügte hinzu, dass der Soldat den Schatz haben solle, wenn er sie erlöse. Er solle die darauf folgende Nacht in derselben Stunde wiederkommen, aber allein. Darauf verschwand sie. Der Soldat aber fürchtete sich und kam in der folgenden Nacht nicht wieder. 

Nicht lange danach wurde ein Schwerter Bürger auf die gleiche Weise von der Jungfrau angeredet. Dieser versprach wiederzukommen und er hielt sein Wort. In der darauf folgenden Nacht sagte die Jungfrau zu ihm: "Fang da an zu graben!" Er aber entgegnete ihr: "Grabe du selbst!" Sie tat dies und grub in der Erde ein glänzendes Schloss aus. Dies gehörte zu einer Kellertür, die sich darauf hin wie von selbst öffnete. Der Mann ging hinein und sah nichts als Gold und Silber. Da packte er alle seine Taschen voll. Die Jungfrau aber rief ihm zu: "Vergiss das Beste nicht!" Er meinte, er solle bloß das Gold nehmen und das Silber liegen lassen, und daher griff er nur nach dem Gold, trat dann voll beladen wieder heraus und --- die Kellertür schlug hinter ihm krachend wieder zu. Seufzend sprach die Jungfrau: "Hättest du auch den Schlüssel mitgenommen, so wäre ich jetzt erlöst und du der reichste Mann auf Erden!" Mit diesen Worten verschwand sie. Schloss und Kellertür hat man nie mehr wiedergefunden. Die Jungfrau aber soll noch oft um Mitternacht dort herum gehen und seufzen, weinen und wehklagen.








Dienstag, 6. Oktober 2015

Der Prophet, der Wein und die drei Hüllen • Sage aus Maghrebinien

Als der Prophet dereinst in die Wüste wanderte, um zu kontemplieren, fand er im Geröll der Einöde ein Pflänzchen vor, das dort - ein offenbares Wunder - gewachsen war. Dem Fingerzeig des Herrn folgend, grub er es aus, um es in saftigeres Erdreich zu verpflanzen. Um es aber vor dem Verdorren zu beschützen, barg er es  in einem Vogelknochen, den er unweit fand. 

Der Keimling aber wuchs und wucherte alsbald über das Vogelbein hinaus, und der Prophet sah sich nach einem größeren Behälter um. Was er fand, war der gebleichte Knochen eines Löwen, und er barg das Reis in dessen Röhre.

Aber weiter und immer weiter wuchs das Pflänzlein und hatte bald das Löwenbein umrankt. Da klaubte der Prophet das Schienbein eines Esels auf, barg es darin und brachte es in seinen Garten. Dort setzte er es in die Erde, und alsbald ward die Rebe daraus.

So wird ein jeder, der vom Weine trinkt, nach dem ersten Glase beschwingt wie ein Vogel; trinkt er ein zweites, so erfüllt ihn der Mut des Löwen; nach dem dritten aber wird er sich gebärden wie ein Esel -:

Dies sind die drei Hüllen, in denen der Prophet die Rebe geborgen hat.




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Dienstag, 7. Juli 2015

Die Jungfrau Lorelei • Sage aus Deutschland • St. Goarshausen

In alten Zeiten ließ sich manchmal auf einem Felsen am Rhein bei Abenddämmerung und Mondschein eine Jungfrau sehen. Sie sang mit so lieblicher Stimme, dass alle davon bezaubert wurden, die es hörten. Viele, die vorüberfuhren, wurden an dem Felsenriff im Strom in die Tiefe gerissen, weil sie auf ihr Fahrzeug nicht mehr achteten. Niemand hatte die Jungfrau aus der Nähe gesehen als einige junge Fischer. Zu ihnen gesellte sie sich bisweilen im letzten Abendrot und zeigte ihnen die Stellen, wo sie ihre Netze auswerfen sollten. Jedesmal, wenn sie dem Rat der Jungfrau folgten, machten sie einen reichlichen Fang. Die Jünglinge erzählten weiter, was ihnen begegnet war, und die Geschichte verbreitete sich bald im ganzen Land.

Der Sohn des Pfalzgrafen, der damals in der Nähe sein Hoflager hatte, hörte auch die wundervolle Mär; es gelüstete ihn, die Jungfrau zu sehen. Er tat, als ob er auf die Jagd gehen wollte, nahm den Weg nach Oberwesel; setzte sich dort in einen Nachen und ließ sich stromabwärts fahren. Die Sonne war eben untergegangen, und die ersten Sterne traten am Himmel hervor, da näherte sich das Fahrzeug der Lorelei. "Seht ihr sie dort, die verwünschte Zauberin?" riefen die Schiffer. Der Jüngling hatte sie aber schon erblickt. Sie saß am Abhang des Felsens, nicht weit vom Strome, und band einen Kranz um ihre goldenen Locken. Jetzt vernahm er auch den Klang ihrer Stimme und war bald seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er befahl den Schiffern, am Felsen anzufahren. Aber als er ans Land springen wollte, nahm er den Sprung zu kurz und versank im Strom; die Wogen schlugen schauerlich über ihm zusammen. 

Die Nachricht kam schnell zu den Ohren des Pfalzgrafen. Voll Schmerz und Zorn befahl er seinen Knechten, ihm die Unholdin tot oder lebendig zu bringen. Einer seiner Hauptleute versprach, den Willen des Pfalzgrafen zu vollziehen. Doch bat er sich aus, daß er die Hexe gleich in den Rhein stürzen dürfe, damit sie sich nicht vielleicht durch Zauberkünste wieder aus Kerker und Banden befreie. Der Pfalzgraf war es zufrieden. Nun zog der Hauptmann gegen Abend aus und umstellte mit seinen Reisigen (gewappnete Dienstleute) den Berg. Er selbst nahm drei der beherztesten Männer aus seiner Schar und stieg den Fels hinan. Die Jungfrau saß oben auf der Spitze und hielt eine Schnur von Bernstein in der Hand. Sie sah die Männer kommen und rief ihnen zu, was sie hier suchten. "Dich, Zauberin", antwortete der Hauptmann, "und ich befehle dir, dich sofort in die Fluten hinabzustürzen!" - "Ei", sagte die Jungfrau lachend, "der Rhein mag mich holen!" Bei diesen Worten warf sie die Bernsteinschnur in den Strom hinab und sang mit schauerlichem Ton: "Vater, Vater, geschwind, geschwind, die weißen Rosse schick deinem Kind, es will reiten mit Wogen und Wind!"

Urplötzlich brauste der Strom daher. Der Rhein rauschte, dass weitum Ufer und Höhen mit weißem Gischt bedeckt waren. Zwei Wellen, die fast die Gestalt von zwei weißen Rossen hatten, stiegen mit Blitzesschnelle zur Kuppe des Felsens empor und trugen die Jungfrau hinab in den Strom, wo sie für immer verschwand.







Sonntag, 28. Juni 2015

Nibelungen Sage 1/28 | Wie Siegfried sein Schwert schmiedete


Vor Zeiten erhob sich zu Xanten am Niederrhein eine starke Burg mit festen Ringmauern und trutzigen Türmen. Dort herrschten über die Niederlande König Siegmund und Königin Sieglinde, und dort wuchs, blühend vor Jugend und Kraft, Jung-Siegfried, ihr Sohn heran. Die Eltern hüteten ihn als ihren Stolz, aber schon früh stand sein Sinn nach Taten und Abenteuern draußen in der Welt. Als er eben dem Knabenalter entwachsen war, hielt es ihn nicht mehr daheim hinter den engen Mauern, und Tag für Tag bestürmte er den Vater, ihn ziehen zu lassen. Der gab endlich dem ungestümen Drängen nach, und jubelnd nahm Siegfried Abschied von den Seinen.

Wie er nun seines Weges dahin wanderte, der lockenden blauen Ferne entgegen, sprengten Ritter in reisiger Wehr, mit Lanzen und blitzenden Schwertern, an ihm vorüber. Da strahlten seine Augen, und mit festem Griff umschloss er den Stecken, den er in der Hand trug. Was gab es Herrlicheres in der Welt als ritterliche Wehr und Waffen!

Gegen Abend kam er in einen Wald, und da lag dicht am Wege eine Schmiede. Roter Feuerschein sprang um die dunklen Stämme, und hell erklang weithin der Schlag der Hämmer. Im rußigen Schurzfell stand der Meister am Amboß und ließ die Funken aus weißglühendem Eisen sprühen. Geschäftig werkten die Gesellen am Blasebalg.

Siegfried trat heran und bot seinen Gruß, und klopfenden Herzens fügte er hinzu: "Nehmt mich als Lehrling an, Meister, und lehrt mich die Kunst, tüchtige und scharfe Schwerter zu schmieden!" In der Kraft seiner Jugend stand er vor dem Schmied, und der nickte ohne Zögern Gewähr: "Nur heran, junger Mann! Starke und geschickte Arme gibt es in einer Schmiede nie genug." 

So blieb Siegfried im Walde bei Meister Mime und seinen schwarzen Gesellen. Er lernte die Glut in der Esse schüren und das Eisen mit wuchtigen Hammerschlägen strecken. Und eines Morgens in aller Frühe trat er an den Amboß, um sich ein ritterliches Schwert zu schmieden. So gewaltig schlug er mit dem schwersten Hammer zu, dass das rote Eisen in Stücke sprang und der Amboß tief in den Grund fuhr. Aber aus der letzten Eisenstange wurde ein Schwert, lang und breit und mit scharfer Schneide. Das reckte er hoch empor: "Nun bin ich ein Ritter wie die Mannen meines Vaters, die zu Kampf und Sieg ausziehen!"







Samstag, 27. Juni 2015

Nibelungen Sage 2/28 | Wie Siegfried den Drachen erschlug


Als die Hammerschläge Siegfrieds durch den Wald dröhnten, war Meister Mime erschrocken herbeigestürzt. Mit Ingrimm nahm er wahr, welche Zerstörung in der Schmiede angerichtet war, und der Zorn übermannte ihn, dass er die Hand gegen den eigenmächtigen Lehrbuben hob. Aber da lag er gleich selbst am Boden, und als die Gesellen ihm zu Hilfe eilen wollten, taten Siegfrieds Fäuste so rasche und tüchtige Arbeit, dass sie alle, zerzaust und zerrupft, in ihrer Not in den Wald entsprangen.

Nun stand es bei Meister Mime fest, dass der ungeschlachte Geselle wegmusste aus der Schmiede. Nachdenklich zog er den Bart durch die Finger und überlegte hin und her, doch guter Rat war hier teuer: ein zweites Mal wollte er die eisernen Fäuste des Jungen nicht verspüren. Da schoss ihm plötzlich der Gedanke durch den Kopf, dass unweit der Schmiede in einem Waldtale bei einer Linde ein greulicher Drache hauste, ein Untier, dass Feuer aus seinem gewaltigen Rachen schnob und dessen fürchterlichen Krallen noch niemand lebend entkommen war. Schon der Blick seiner tückischen Augen lähmte den mutigsten Mann, und wenn die Reihen der dolchspitzen Zähne sich auftaten, blieb dem Unglücklichen nicht einmal mehr Zeit für ein letztes Stoßgebet.

So musste es gehen! Mit listigem Lächeln wandte der Schmied sich an Siegfried und deutete auf einen leeren Sack: "Wir haben keine Kohlen mehr. Sei so gut und hole uns einen Sack voll beim Köhler!" Und er beschrieb ihm den Weg dorthin aufs genaueste - es war dies aber der Weg, der in das Drachental führte. 

Siegfried warf den Sack auf die Schulter und schritt wohlgemut auf grasigem Pfad unter den hohen Kronen der Waldbäume dahin, bis er in das verrufenen Tal kam. Dort sprudelte am Hang unterhalb einer uralten Linde ein Quell aus dem Gestein, und Siegfried beugte sich  nieder, um einen kühlen Trunk zu tun. Da vernahm er plötzlich  ein zischendes Fauchen, und wie glühender Feuerhauch strich es über ihn hinweg. Der Drache war aus seiner Höhle im Geklüft hervorgeschossen und wand seinen Schuppenleib auf den Quell zu. Rot züngelte es aus dem grässlichen Rachen, und giftiger Atem stieß  weithin aus den Nüstern. 

Furchtlos sprang Siegfried mit dem Schwert den Unhold an. Aber so dicht seine Hiebe fielen, sie schnitten nicht durch den hörnernen Drachenpanzer, der hart war wie Stahl. Wohl sprühten Funken aus dem Schwert, wohl schnaubte und brüllte das Ungetüm vor Schmerz und Wut, doch kein Streich traf ins Leben. Schon spürte Siegfried, wie der Feuerhauch ihn sengte, schon schnappte der furchtbare Rachen nach ihm, da warf er das Schwert beiseite, riss einen Baum aus der Erde und stürzte ihn über den Lindwurm, dessen Schwanz sich sogleich in dem Geäst verfing. Wütend suchte der Drache sich freizumachen, doch Siegfried schleuderte Baum auf Baum über den Schuppenpanzer, bis er mit Astwerk und Gezweig gänzlich bedeckt war. Und so glühend war der Atem, der aus dem Rachen des Untiers fuhr, dass die Bäume Feuer fingen und die Flammen bald wie aus einer lodernden Esse aufschlugen. Vergebens suchte der Lindwurm die feurige Last abzuschütteln, vergebens krümmte und bäumte er sich in Todesnot, Siegfried rammte ihm von unten, wo kein Hornpanzer Schutz gab, das Schwert in den Leib und traf mit tödlichem Stoß das Herz. 

Ein heißer roter Strahl sprang aus der Wunde gegen Siegfrieds Hand. Da hob er die Finger an den Mund, um die gebrannte Stelle zu kühlen, und plötzlich verstand er die Sprache der Vögel, die über ihm in der Linde zwitscherten. "Seht, wie der Hornpanzer des Lindwurms im Feuer schmilzt!" ließ sich einer vernehmen, und ein zweiter antwortete: "Wer sich darin badet, der ist gefeit gegen Schwert und Lanze und Dolch, kein Eisen schneidet ihm eine Wunde."

Da warf Siegfried die Kleider ab und badete sich in dem heißen Strom, der zwischen den glühenden Stämmen hervorquoll. Von nun an trug er am ganzen Körper eine Hornhaut, die so fest war wie der Drachenpanzer. Nur eine einzige Stelle auf dem Rücken zwischen den Schultern blieb ungeschützt. Dorthin war nämlich ein Lindenblatt gefallen und hatte den Hornfluß abgehalten. 





Freitag, 26. Juni 2015

Nibelungen Sage 3/28 | Wie Siegfried den Hengst Grani, das Schwert Balmung und den Nibelungenhort gewann


Nur mühsam verbarg Mime sein Erschrecken, als er Siegfried wohlbehalten wieder in die Schmiede treten sah. Jetzt musste er für seinen hinterhältigen Mordplan büßen! Angst im Herzen, bot er dem Eintretenden einen freundlichen Gruß, doch Siegfried blickte ihn verächtlich an und sagte: "Der Drache liegt im Waldtal unter der Linde erschlagen, und ich selbst will keine Stunde länger unter einem Dach blieben, wo böse Gedanken und falsche Worte wohnen!"

Das war dem Schmied eine Freudenbotschaft, und eiligst brachte er eine funkelnde Brünne, einen Helm und einen Schild herbei: "Dies schenke ich dir zum Abschied! Nie hat ein Held herrlichere Wehr getragen, und ich weiß dir auch ein Ross, wie es kein zweites in der Welt gibt. Unten am Rhein in der Herde auf den Uferwiesen weidet es, grau von Farbe wie Wotans Hengst und schnell wie der Falke in der Luft. Es wird dich zu Kampf und Sieg tragen!"

Siegfried legte die Rüstung an und gürtete sein gutes Schwert um, Gram hatte er es genannt. Dann machte er sich auf zu den Uferwiesen. 

Unterwegs begegnete ihm ein Wanderer, ein großer alter Mann mit greisem Bart. Der fragte nach Weg und Ziel, und Siegfried antwortete: "Ein Ross will ich mir holen auf den Weiden am Strom." - "Folge mir", sagte der Alte und schritt kräftig voran.

Am grünen Saum des Flusses fanden sie eine Koppel edler Pferde. Mähnen und Schweife standen wie Fahnen im Wind, wenn sie in übermütigem Spiel dahinjagten. Auf den Rat des Alten trieb Siegfried die Herde in den Strom. Doch nur ein einziges Tier, ein grauer Hengst, vermochte sich gegen den reißenden Wogengang in der Mitte des Flusses zu halten, die übrigen wendeten bald schon zum Ufer zurück. Der Hengst kam erst an Land, als Siegfrieds Begleiter ihm zurief.

"Nimm ihn", sagte der Alte mit dunkler Stimme, "sein Name ist Grani, er stammt von Sleipnir, Wotans Ross, und ist noch nie unter einem Reiter gegangen. Bis ans Ende der Welt wird er dich tragen, und kein Ross vermag ihn einzuholen."

Als Siegfried aufblickte, war der Alte verschwunden. Da bestieg er den Hengst Grani und ritt zu neuen Abenteuern in die Welt.

Er ritt gegen Norden, Tag für Tag, und kam endlich in das Reich der dunklen Waldberge, in das Land der Nibelungen. Das waren reiche und kunstfertige Zwerge, die in tiefen Berghöhlen und verborgenem Geklüft wohnten und zwölf starke Riesen in ihrem Dienst hatten. Einen unermesslichen Schatz an Gold und Silber und edlem Gestein hatten sie unter der Erde aufgehäuft: den Nibelungenhort, und Alberich, der listigste der Zwerge, war sein Hüter.

Als Siegfried in den Waldbergen anlangte, war eben der alte Zwergenkönig gestorben, und seine beiden Söhne Schilbung und Nibelung hatten beschlossen, den Hort unter sich zu teilen. Sie ließen ihn aus den unterirdischen Schatzkammern heraustragen, und da wuchs es höher und höher: ein Berg von goldenem Geschmeide und Gerät, von Silber und Waffen und Edelgestein, und dies alles funkelte und blitzte in der Sonne, dass das Auge fast geblendet wurde. Hundert Wagen hätten nicht gereicht, den Wunderhort fortzuschaffen.

Doch Schilbung und Nibelung konnten nicht einig werden über die Verteilung des Schatzes, so tief saß die Habgier in ihrem Herzen. Jeder fürchtete, der andere könne eine Handvoll Gold oder ein paar silberne Spangen mehr bekommen, und so baten sie Siegfried, Richter zu sein in ihrem Streit und den Hort gerecht zu teilen. Als Lohn boten sie ihm im voraus das Schwert Balmung, das ihr Vater getragen und das nicht seinesgleichen hatte unter den Waffen der Männer.

Siegfried nahm das angetragene Amt an und schied den Schatz redlich in zwei gleiche Hälften. Aber er machte es den beiden Brüdern, die mit gierigen Blicken einer des andern Schätze maßen, nicht zu Dank, und sie forderten ihn auf, nochmals zu teilen, jeder in der Hoffnung, den eigenen Anteil zu mehren. Doch Siegfried durchschaute ihre Absicht und lehnte solches Ansinnen ab. Da riefen die tückischen Zwergenfürsten ihre Riesen herbei. Mit gewaltigen Eisenstangen stürmten die ungeschlachten Gesellen tobend heran. Aber Siegfried wich keinen Schritt zurück. Das Schwert Balmung fuhr blitzend aus der Scheide, und jeder Streich mähte das Haupt eines Riesen auf den Plan, bis alle zwölf leblos in ihrem Blute lagen.

Noch wilder entbrannte darob der Grimm der Zwergenkönige. Siebenhundert Recken, die ebenfalls in ihrem Dienste standen, boten sie nun gegen Siegfried auf, und aufs neue hub der Kampf an. Unverwundbar in seinem Hornpanzer stand Siegfried da und ließ den Balmung kreisen. Die Siebenhundert fielen bis auf den letzten Mann, und dann mussten auch Schilbung und Nibelung ihre verräterische Tücke mit dem Leben büßen. Das Volk der Zwerge aber erkannte Siegfried nun als seinen König an und gab ihm den Hort zu eigen. 

Nur Alberich, der Hüter des Schatzes, sann auf Rache für den Tod seiner beiden Herren. Er besaß eine Tarnkappe, die war von wunderbarer Macht. Wer sie aufsetzte, der wurde unsichtbar und gewann die Kraft von zwölf Männern, auch war er geschützt gegen Hieb und Stich, und kein Ohr vermochte ihn zu hören.

Im Schutz dieser Tarnkappe fiel er über Siegfried her und umklammerte mit Zwölfmännerkraft seinen Hals. Vergebens zog Siegfried das Schwert und hieb verzweifelt um sich. Fester und fester würgten ihn die unsichtbaren gewaltigen Hände. Da endlich gelang es ihm mit letzter Anstrengung, dem Zwerg die Tarnkappe abzureißen, und nun fiel dieser ihm zu Füßen und bat flehentlich um sein Leben.

Siegfried gewährte ihm Schonung, doch behielt er die Tarnkappe zu eigen und ließ sich von Alberich unverbrüchliche Treue geloben. Dann hieß er die Zwerge den Hort wieder in die Tiefe des Berges schaffen und setzte Alberich aus neue zu seinem Hüter ein.

Niemand machte ihm nunmehr die Herrschaft über das Nibelungenland streitig, und bis an sein Ende hätte er dort als König die Krone tragen können, wenn nicht das Verlangen nach der Heimat über ihn gekommen wäre. So nahm er eines Tages Abschied von den Zwergen und verließ die dunklen Waldberge. Er wandte sein treues Ross Grani dem Rhein zu, und froher Jubel grüßte bald in der väterlichen Burg zu Xanten den heimkehrenden jungen Helden, den Drachenbezwinger und Herrn des unermesslichen Hortes der Nibelungen.







Donnerstag, 25. Juni 2015

Von der Geburt der Geige • Maghrebinische Geschichte

Ein König hatte drei Söhne: der erste war stolz, der zweite war kühn, der dritte war schön. Als sie herangewachsen waren, zogen sie in die Welt, um ein Handwerk zu erlernen. Der erste kam an den Hof des Großkhans, des Königs der Könige, und nachdem er sieben Jahre im Schatten seines Thrones hingebracht hatte, war er erfahren in aller Weisheit und Würde des Herrschens wie kein anderer. Und er kehrte heim und übernahm Thron und Szepter seiner Vaters und herrschte über sein Volk bis an seines Lebens Ende. 

Der zweite gelangte zu den Kriegern. Und er lernte die Härten des Lagers und das Getümmel der Schlachten ertragen und stärkte seinen Arm und Blick. Und als er ausgelernt hatte, setzte er sich an die Spitze der Truppen und wurde ein Held und Eroberer, wie es seinesgleichen nicht mehr gegeben hat. 

Ihrer beider Namen aber sind vergessen. 

Der dritte endlich zog durch die Welt und fand keinen Aufenthalt, denn er war ungenügsam von Wesen. Einmal aber gelangte er zu einem Asketen, der in der Wüste auf einer Säule lebte, und er blieb bei ihm und diente ihm sieben Jahre lang. Nachdem er ihm sieben Jahre lang gedient hatte, wanderte er weiter. Aber er hatte die Kunst erlernt, sich zu verwandeln in jegliche Gestalt. So ritt er einmal über Land, als er einen Hirsch gewahrte, der vor ihm flüchtete. Von Jagdlust gepackt, setzte er ihm nach. Aber der Hirsch war schneller als sein schnelles Pferd und fast hätte er ihn aus dem Blick verloren. Da erkannte er, dass es kein gewöhnlicher Hirsch war, den er verfolgte, und rasch verwandelte er sich in einen Geparden und setzte in weiten Sprüngen hinter ihm her, bis er ihn erreichte und mit einem Satz in seinem Nacken saß. Kaum aber hatte er ihn gepackt, so verwandelte sich der Hirsch in einen Stichling und schnellte sich in das Wasser des nahen Flusses. Der Königssohn aber verwandelte sich in einen Hecht und hatte ihn bald gefasst. Da verwandelte sich der Stichling in eine Taube, schwang sich von den Wellen des Flusses hoch und entflog mit klatschenden Schwingenschlägen. Der Königssohn aber verwandelte sich in einen Falken und war bald über ihr, stieß zu und hatte sie geschlagen. Die Taube aber verwandelte sich in ein Haar, der Königssohn aber in ein Messer: so spaltete er das Haar. Und als er es gespalten hatte, da verstand er mit einem Male die Sprache aller Dinge. 

So zog er weiter, und die Dinge redeten zu ihm ein jegliches in seiner Sprache und priesen die Schönheit der Schöpfung. Da begann der Königssohn zu singen von der Schönheit der Schöpfung. Dann aber hörte er, wie die Dinge sprachen vom Leid der Welt, und er verstummte. Er blieb in der Einsamkeit, bis er alt und müde wurde. Als er aber spürte, dass er sterben sollte, verfertigte er ein Kästchen aus Holz, und er weinte darüber alle Tränen der Welt und lachte hinein alle Lust und Freude der Welt. Dann zog er vier Haare aus seinem Bart, das eine mit der Stimme der Lerche am frühen Morgen, das andere mit der Stimme der Hummel im hohen Sommer, eines mit der Stimme des singenden Knaben und eines mit der Stimme des stolzen Hahnes. Sie spannte er über das Kästchen und verschloss es so. Dann starb er in der Einsamkeit. Erst viele hundert Jahre später schoss ein Zigeuner seinen Bogen ab, und der Pfeil flog weithin und blieb in der Erde stecken. Und als er hinging, ihn zu holen, fand er daneben das Kästchen mit den vier Haaren. Er verwunderte sich darüber und strich mit der Sehne seines Bogens prüfend über die Haare hin. Da ertönten die Stimmen der Haare und sangen von allem Leid und von aller Freude und Lust der Welt.

Der Zigeuner aber nahm das Kästchen mit sich. So wurde die Geige.





Nibelungen Sage 4/28 | Wie Siegfried nach Worms kam

Zu Worms, der alten Burgundenstadt am Rhein, wuchs Kriemhild, die Königstochter, zu einer Jungfrau heran, deren Schönheit und adeliger Sinn landauf, landab gepriesen wurden. Sie lebte bei ihrer Mutter Ute und ihren drei Brüdern Gunther, Gernot und Giselher. Von diesen war Gunther, der älteste, nach dem Tode des Vaters König und Herr im Burgungenland geworden. 

Die tapfersten Recken hatten sich um König Gunther und seine Brüder geschart, darunter der grimme Hagen von Tronje und sein Bruder Dankwart, ferner Ortwin von Metz, die Markgrafen Gere und Eckewart und Hagens Freund, der kühne und ritterliche Sänger Volker von Alzey. Alle blickten voll Stolz auf Kriemhild und waren ihr in Treue ergeben. 

Einst hatte Kriemhild einen seltsamen Traum. Sie sah ihren Lieblingsfalken emporsteigen, höher und höher, bis plötzlich zwei Adler ungestüm aus dem Gewölk herabstießen und ihn mit scharfen Krallen zu Tode schlugen. In bitterer Qual erwachte sie, und da sie den Traum nicht zu deuten wusste, wandte sie sich um Rat und Trost an ihre Mutter.

Frau Ute bedachte sich nicht lange: "Der Falke, den du aufgezogen hast, ist ein edler Mann. Gott hat ihn für dich bestimmt, und er möge ihn in Gnaden schützen und schirmen, dass du nicht seinen frühen Tod beweinen musst."

Doch von solcher Deutung mochte Kriemhild nicht hören. "Was sprecht Ihr mir von einem Manne, liebe Mutter?" sagte sie. "Unvermählt will ich bleiben mein Leben lang, und nie wird mir Leid kommen aus der Liebe zu einem Mann."

"Das sind vorschnelle Worte", verwies sie die Mutter, "kein größeres Glück gibt es für eine Jungfrau, als das Weib eines edlen Helden zu werden." "Nein, nein, Mutter!" wehrte Kriemhild abermals ab. "Wie oft hat sich doch gezeigt, dass Liebe nur Leid bringt; ich will sie immer meiden, dann bleibe ich von allem Kummer verschont."

So dachte Kriemhild, und mancher Tag ging dahin, ohne dass ihr Herz für einen der Freier schlug, die sich mit ritterlichem Gefolge in Worms einstellten. Keiner konnte sich eines holden Blickes der Königstochter rühmen. 

Da hörte eines Tages Siegfried auf der väterlichen Burg zu Xanten von der Schönheit Kriemhilds im fernen Burgundenland, und gleich stand sein Sinn danach, um die Herrliche zu werben. Die Eltern rieten ihm ab, denn allenthalben sprach man von dem übergroßen Stolz der Burgundenfürsten. Als aber König Siegmund sah, dass sein Sohn nicht lassen wollte von seinem Vorhaben, willigte er schließlich ein und erbot sich, ihm ein starkes Geleit der tapfersten Recken mit auf die Fahrt zu geben. Doch Siegfried fühlte sich Manns genug, allein für seine Sache zu stehen. Nur zwölf Gefährten wählte er aus zur Reise in König Gunthers Land. Die Rüstkammer musste das Beste hergeben an ritterlichen Waffen, und Königin Sieglinde ließ von ihren Frauen kostbare Gewandung richten. 

So ging es zur Brautfahrt ins Burgundenland. Rheinaufwärts trabte die reisige Schar, in lichten Brünnen, das Zaumzeug und die Sättel rot von Gold und im Wehrgehenk Schwerter, die bis zu den Sporen herabreichten. Am siebenten Morgen sahen sie vor sich die Mauern der alten Königsstadt Worms, und als sie durch das Tor einritten, strömten die Leute in den Gassen zusammen und bewunderten laut den prächtigen Zug der fremden Recken. Sogleich waren auch Ritter und Knappen zur Stelle, um die Gäste nach altem Brauch in die Herberge zu geleiten, aber Siegfried drängte es, ohne Säumen König Gunther zu sehen. Man wies ihm einen großen Saal: "Dort werdet Ihr den König inmitten seiner Mannen finden."

Schon hatte sich die Kunde von der Ankunft der fremden Ritter in der Königsburg verbreitet, aber niemand wusste Gunther ihre Namen oder das Land, aus dem sie kamen, zu nennen. Da riet Ortwin von Metz: "Schickt nach meinem Oheim Hagen, der kennt sich aus in allen Ländern und Burgen weit und breit!"

Hagen kam und trat ans Fenster. Unten im Burghof standen noch die fremden Recken, über die Maßen stattlich anzuschauen. Nie hatte er sie gesehen, aber er wusste sogleich und sprach es aus: "Das können nur Fürsten oder Fürstenboten sein, so reich sind ihre Waffen und so edel ihre Rosse. Und dort in ihrer Mitte der junge Held, das muss Siegfried sein, der Sohn König Siegmunds von Niederland. Durch alle Länder geht sein Ruhm: er erschlug den Drachen am Quell bei der Linde und badete in seinem Blute, dass kein Schwert ihm ans Leben kann, und dann ritt er auf Grani in die dunklen Waldberge, wo er den Nibelungenhort gewann und die Tarnkappe Alberichs, die unsichtbar macht und die Stärke von zwölf Männern verleiht. Kein Held in allen Landen mag es ihm gleichtun, und mich dünkt, keiner geringen Sache wegen hat er den Weg zu uns gemacht."

Da ging Gunther sogleich mit all seinen Mannen hinunter in den Hof, solch edlen Gast zu begrüßen. "Seid uns willkommen, fremder Held!" sprach er zu Siegfried. "Woher kommt Ihr, und was führt Euch ins Burgundenland?"

Siegfried verneigte sich vor Gunther und entgegnete: "An meines Vaters Hof vernahm ich, dass nichts der Kühnheit der Burgundenrecken und ihres Königs gleichkomme. Dies zu erproben, bin ich nach Worms geritten mit meinen Gefährten. Siegfried von Niederland bin ich, und um Euer Reich will ich mit Euch kämpfen!"

Zornig brausten die Burgunden auf, als sie diese übermütige Herausforderung vernahmen. Finster blickte Hagen drein, und nach Schwertern rief der kühne Ortwin. Doch Gernot und Giselher mahnten zum Frieden: "Weshalb soll Blut fließen in ungleichem Streit? Als Freunde, nicht als Feinde wollen wir uns finden. Herr Siegfried und seine Heergesellen sollen uns liebe Gäste sein!"

Da ließ Gunther Wein bringen und trank dem Helden aus Niederland auf gute Freundschaft zu. Und Siegfried bezwang seine Kampflust, denn nicht König Gunthers Thron lockte ihn, nach Kriemhild stand sein Sinn.

So blieben Siegfried und seine Gefährten als Gäste in Worms. Da gab es die beste Herberge und fröhliche Kurzweil jeden Tag. Auf dem Burghof maßen sich die Recken im Steinwurf und Speerwerfen, und stets war es Siegfried, der den Preis davontrug. Vom Fenster ihrer Kemenate schaute Kriemhild heimlich zu. Wer war der Fremde, der es allen zuvortat? Nur an ihn dachte sie, nur ihn sah sie, wenn sie so am Fenster stand. Und Siegfrieds Gedanken waren Tag für Tag bei Kriemhild; aber ein volles Jahr ging dahin, ohne dass er sie von Angesicht zu Angesicht sah. 





Mittwoch, 24. Juni 2015

Nibelungen Sage 5/28 | Wie Siegfried mit den Sachsen und Dänen stritt


Eines Tages ritten Boten des Sachsenkönigs Lüdeger und des Königs Lüdegast vom Dänenland in Worms ein und sagten den Burgunden Krieg an. Binnen zwölf Wochen wollten die feindlichen Könige mit Heeresmacht am Rhein sein und die Burgen brechen, falls die Burgunden nicht bereit seinen, um Frieden zu verhandeln. Voll Sorge berief Gunther seine Brüder und seine Getreuen zur Beratung. Gernot war sogleich für den Kampf: die Ehre lasse keine andere Wahl. Hagen dagegen mahnte zur Vorsicht: "Wir können in so kurzer Zeit nicht unser ganzes Aufgebot an den Feind bringen. Deshalb schlage ich vor, uns die Hilfe Siegfrieds zu sichern, ehe wir den Boten eine Antwort geben."

Siegfried ließ sich nicht zweimal bitten. Er reichte Gunther die Hand: "Gebt mir nur tausend Mann, dann wird es keinem Feind gelingen, Euer Land zu verheeren, und rückte er auch mit dreißigtausend Gewappneten heran!"

Da dankte ihm Gunther frohen Herzens und entließ die fremden Boten mit der Antwort: "Wir sind bereit, die beiden Könige mit Waffen zu empfangen, falls ihnen die Heerfahrt ins Burgundenland nicht noch leid werden sollte!"

Nach Rückkehr der Boten zogen Lüdeger und Lüdegast sogleich mit vierzigtausend Mann zu Felde. Doch auch die Burgunden säumten nicht. Siegfried und Hagen führten ihre Kampfschar über den Rhein, und Volker, der kühne Spielmann, trug die Fahne. Gunther aber blieb auf Siegfrieds Rat daheim in Worms.

Das gab ein rasches Reiten durch den Hessengau bis an die Grenze des Sachsenlandes. Dort ließ Siegfried die Streitmacht in der Obhut Hagens und Gernots zurück und ritt allein auf Kundschaft in die feindliche Mark. Bald traf er auf einen Späher, der dem Heer der Gegner voraus ritt. Einen goldenen Schild trug er an der Linken. Es war Lüdegast, der Dänenkönig.

Kaum hatten die Helden einander erblickt, so spornten sie die Rosse zu ritterlichem Kampf. Die Lanzen zerspellten an den Schilden, aber keiner wankte im Sattel. Nun zogen sie die Schwerter, und dicht stoben die roten Funken aus Helmen und Schilden. So tapfer Lüdegast auch stritt, Siegfried schlug ihm drei tiefen Wunden, und besiegt gab sich der Dänenkönig schließlich in Siegfrieds Hand. Auch dreißig Dänenrecken, die ihm zur Hilfe heransprengten, vermochten sein Los nicht zu wenden. Mann für Mann fielen sie bis auf einen; den ließ Siegfried entkommen, dass er mit zerhauenem und blutigem Helm die schlimme Kunde ins Dänenlager bringen konnte.

Lauter Jubel erhob sich, als Siegfried mit dem gefangenen Dänenkönig bei den Burgunden eintraf. Sogleich wurde der Aufbruch befohlen, und hochgemut trug Volker die Heerfahne voran. Nicht lange brauchten sie zu reiten, da hatten sie vor sich die reisigen Scharen der Sachsen und Dänen. Die Schlacht hub an. Lanzen und Schwerter machten sich an ihr blutiges Werk. Waren die Burgunden auch an Zahl weit unterlegen, Hagen und Volker, Gernot und Ortwin und Dankwart ließen sich nicht schrecken. Durch das wildeste Kampfgetümmel brachen sie sich mit schmetternden Schwerthieben Bahn. Am weitesten aber drang Siegfried mit seinen zwölf Getreuen vor, dorthin, wo Lüdeger, der Sachsenkönig, unter den Seinen hielt. Der stritt ingrimmig, um den Waffenbruder aus dem Nordlande zu rächen; als er aber das Wappenzeichen auf Siegfrieds Schild erkannte, gebot er dem Kampf Einhalt und ließ die Fahne senken: gegen einen solchen Gegner vermochte niemand aufzukommen.

Der Friede wurde den Sachsen und Dänen gewährt, aber die beiden Könige und fünfhundert Mann mussten den Burgunden als Gefangene an den Rhein folgen. Siegesboten eilten dem heimkehrenden Heer voraus. Gernot hatte sie abgesandt, den stolzen Ausgang des Heerzuges in Worms zu melden. Einen von ihnen ließ Kriemhild heimlich zu sich kommen, und sie vernahm, dass Siegfried am herrlichsten von allen gestritten und mit eigener Hand die beiden Könige bezwungen hatte. Mit reichen Geschenken entließ sie den Boten, ihre Freude verschloss sie tief im Herzen. 

Eine frohe Menge säumte die Straßen, als die Sieger mit ihren Gefangenen in Worms einzogen. Auch mancher Kampfverwundete war dabei, und manches Schwert war schartig, mancher Helm und Schild zerhauen. König Gunther bot seinen Getreuen Willkommen und Dank, auch die beiden Könige grüßte er und reichte ihnen die Hand. Frei durften sie umher gehen, nachdem sie gelobt hatten, nicht heimlich aus dem Burgundenland zu entweichen.

Nach sechs Wochen aber sollte vor den Toren der Stadt am Rheinstrand ein Siegesfest gefeiert werden. So hatte König Gunther auf Gernots Vorschlag hin beschlossen. Manch kampfmüder Recke nahm Urlaub bis zu diesem Tag, um daheim seine Wunden zu pflegen. Auch Siegfried kam das Verlangen an, nach Hause zu ziehen, und selbst Gunthers inständige Bitten hätten nicht vermocht, ihn zu halten, wäre nicht der Gedanke an Kriemhild, die Holdselige, gewesen. So blieb er denn mit seinen Gefährten in Worms.





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