Aventin Blog: Post
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Mittwoch, 3. August 2016

Aus dem Tagebuch eines Hundes 1 von 37 | Oskar Panizza


Wurde heute an meinen neuen Herrn verkauft. Ich komme vom Land. Seit gestern bin ich in der Stadt. Alles ist mir, neu und drängt sich in Form merkwürdiger Eindrücke auf. Ich kann sagen, seit gestern fühle ich, dass ich ein Hund bin. Ich denke. Früher tat ich dies Alles unbewusst. Ich sehe, Denken ist eine Arbeit, die oft Schmerz bereitet. Was mich beunruhigt, ist, dass man sie nicht freiwillig verrichtet. Ich bin nicht mehr so glücklich wie früher, aber stolzer.

Dass die Menschen in kleinen Hüttchen beieinander wohnen, wusste ich aus meinem früheren Aufenthaltsort. Aber hier geht Alles ins Schauerliche, Steinerne, Unermessliche. Ganze Äcker lang dehnen sich hier die Straßen, beiderseits mit wuchtigen, pfundigen Stein-Anlagen besetzt, die weit über die Baugeschicklichkeit des Dachses hinausgehen. Diese Stein-Anlagen sind mit Gucklöchern versehen, aus denen die Menschen oft blitzschnell den Kopf herausstrecken. Dabei kommt es vor, dass, während auf der einen Seite Einer einen Kopf herausstreckt, auf der andern Seite Jemand antwortet. Der Eine nimmt dann einen weißen Fetzen, und streckt ihn in kurzen, unbeholfenen Stößen zum Vis-à-vis hinüber. Die Person drüben steht erst lang steif und regungslos dort; dann hebt sich bei ihr die Oberlippe und die obere Reihe weißer Zähne wird sichtbar. Wozu? Was soll das dumme Zeug?

Wie die Häuser sind auch die Menschen hier von meinem früheren Aufenthaltsort sehr verschieden. Dort schlappte Alles ruhig gleichmäßig durcheinander, dieselben spitzen Gesichter, die gleiche meckernde Sprechmanier. Hier die entsetzlichsten Gegensätze; der Eine hüpft, der Andere scharrt; der Eine treibt das Hinterteil hinaus, der Andere die Brust nach vorn; Der wackelt, Jener zirpt; Dieser zeigt fortwährend Zunge und Zähne, Der dort stiert mit weißen Augäpfeln durch künstlich angeschnallte kleine Guck-Fensterchen. Welcher Wirrwarr! Welche unübersehbare Verschiedenheit! Anfangs wollte ich mich nicht drum kümmern. Doch sehe ich, ich muss. Ich muss diese ganze Bagage registrieren, einteilen und schablonieren. Einteilung der Menschenbagage! Wo fang ich nur an? Wo find ich das Allen gemeinsame Moment, um daran die Veränderungen anzuschließen? – Ich glaub, ich fang beim Hinterteil an.







Dienstag, 2. August 2016

Warum es keinen Krieg geben darf | Chinesisches Märchen | Ernst Pezoldt


Als ein Krieg zwischen zwei benachbarten Völkern unvermeidlich schien, schickten die feindlichen Feldherrn Späher aus, um zu erkunden, wo man am leichtesten in das Nachbarland einfallen könne. 

Als die Kundschafter dann zurück kehrten, berichteten sie ihren Vorgesetzten, dass es nur eine Stelle an der Grenze gäbe, wo man in das andere Land einzubrechen könne. "Dort aber", sagten sie, "wohnt ein braver kleiner Bauer in einem kleinen Haus mit seiner anmutigen Frau. Sie lieben einander und es heißt, dass sie die glücklichsten Menschen auf der Welt seinen, da sie ein Kind hätten. Wenn wir nun über das kleine Grundstück in das Feindesland einmarschieren, dann würden wir das große Glück zerstören. Also darf es keinen Krieg geben".

Das sahen die Feldherren dann auch wohl ein, und der Krieg unterblieb, wie jeder Mensch begreifen kann. 






Montag, 1. August 2016

Wie der Esel mit dem Löwen jagen ging | Fabel von Lessing


Als der Esel mit dem Löwen des Äsop, der ihn anstatt seines Jägerhorns brauchte, frühmorgens in den Wald zum Jagen ging, begegnete ihm ein anderer Esel von seiner Bekanntschaft und rief ihm freundlich zu: "Guten Tag, mein Bruder!"

"Unverschämter!" war die Antwort. 

"Und warum das?" fuhr jener Esel fort. "Bist du deswegen, weil du mit einem Löwen unterwegs bist, besser als ich und mehr als ein Esel?"

Lehre:
Hochmut ist der zur Schau getragene Stolz. Echter Stolz verbirgt sich. (Ernst Hohenemser)







Freitag, 29. Juli 2016

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis | Goethe - Faust


Die schönste Frucht von Goethes Lebensweisheit war die Erkenntnis, dass 'alles Vergängliche nur ein Gleichnis' ist. So steht es in Schlußchor des Faust. 

Gewiss wollte der greise Meister mit dem beigefügten 'NUR' nicht seine Geringschätzung für das 'Vergängliche' ausdrücken. Von einer Geringschätzung, wie wir sie bei manchen Heiligen finden, die sich von den Schönheiten des Daseins abwenden und alles Sichtbare für Blendwerk und Verführung halten, war Goethe weit entfernt. 

Goethe liebte das Vergängliche und konnte in Andacht vor einer blühenden Blume verweilen, die doch in wenigen Stunden oder Tagen nicht mehr vorhanden war. Seine Andacht vor dem Vergänglichen, sein unermüdlicher Eifer in der Erforschung alles Erforschbaren galt im Grunde nicht der einzelnen Blume und nicht dem einzelnen Gegenstand seiner Beobachtung, sondern dem Formgedanken, dem geistigen Prinzip, das sich darin manifestierte. Er schaute in allem Individuellen ein Allgemeines und in allem Gesonderten einen großen lebendigen Zusammenhang. 

Metamorphosen, die Verwandlung und Entwicklung, der Durchgang und der Übergang, wurden für den Forscher Goethe, aber auch für den künstlerisch gestaltenden, die Hauptanhaltspunkte, mit deren Hilfe er das Wesen der Welt zu erfassen und sich selber ihm einzufügen suchte. 







Donnerstag, 28. Juli 2016

Sprache & Kunst | Der Umgang mit Symbolen und ihre Wirkung


Das Benützen von Symbolen ist eine allgemein menschliche Eigenschaft. So wird in der Kunst und in der Sprache ein System von Symbolen, Ausdrücken oder Beschreibungen verwendet, welches oftmals weit mehr bedeutet, als der erste optische oder akkustische Eindruck vermitteln mag. Symbole sollen eine möglichst große Wirkung auf Menschen ausüben. 

Sprache und Kunst sind allgemeine Bestandteile des menschlichen Miteinanders, eigentlich die höchsten den Menschen als Geschenk verliehenen Mittel einer sehr weit- und tiefgreifenden Verständigung, welche nicht unbedingt an Zeit und Raum gebunden ist, sich aber auch nicht damit begnügt, zu allen Menschen eine Brücke zu schlagen. 

Sprache und Kunst vermögen mittels Symbolen sowohl in die Helligkeit einer übermenschlichen Welt hinauszudringen, als auch in die tiefste Tiefe des unbewußten Inneren hinabzusteigen. Natürlich hängen Sprache und Kunst auch von Konventionen ab und sind mannigfachen Wandlungen unterworfen. Dies geht nicht nur aus der Vielfalt der Sprachen und Kunstweisen hervor, sondern auch aus den fortdauernden Umformungen und Richtungsänderungen des sprachlichen und künstlerischen Ausdrucksmaterials. Sprache und Kunst sind auch der Mode bzw. dem Zeitgeist unterworfen, eben deshalb weil sie mit Hilfe von Zeichen und Beispielen menschliche Zustände oder Absichten beschreiben und mitteilen wollen oder sollen, welche nicht direkt übertragbar sind. So reden sie in Bildern, Zeichen und Gleichnissen, sind Brauchtümer, Formeln oder auch Gewohnheiten. Es gilt für sie dasselbe, was für religiöse Bräuche und für die Konventionen einer Gesellschaft im Allgemeinen gilt: sie haben in erster Linie Bedeutung für diejenigen, welche Anhänger der betreffenden gesellschaftlichen oder politischen Ansichten oder Ausrichtungen sind. Man kann konform sein, oder auch nicht. Uneingeschränkt aber ist festzustellen, dass Symbole auf das Unbewusste eines jeden Individuums wirken, weil archetypische Bilder oder Codes damit bedient werden und kaum jemand es vermag, sich diesem Vorgang zu entziehen. 







Mittwoch, 27. Juli 2016

Miniatur von Rohan | Begegnung | Kalenderblatt Juli

aventin.blogspot.com

In dieser Miniatur aus einem der schönsten Gebetbücher, den 'Grandes Heures de Rohan', spielt die Natur so gut wie gar keine Rolle und ist nur ganz symbolhaft durch einen einzelnen Baum auf spitzem Felsen vertreten. Und doch hat das Blatt insofern hier seine besondere Bedeutung, als es noch in einem anderen Sinne ein 'Außenseiter' ist. 

Mit dieser ungewöhnlich ausdrucksvollen Darstellung ist nämlich die Grenze, die die Miniatur vom Tafelbild trennt, fast schon überschritten. Zum Wesen der Miniatur gehört nicht nur das kleine Format der Buchseite, sondern auch das Minutiöse, die ins Kleine gehende Darstellung, ja sogar die 'kleine' Auffassung, die der Künstler von seinem Stoff hat. Der unbekannte Meister von Rohan jedoch hat seiner Szene von der Begegnung Marias mit der heiligen Anna und Zacharias eine Größe des Ausdrucks verliehen, die sehr wohl ein Tafelbild zu tragen vermöchte. Man kann sogar sagen, dass dieses Pathos der Gebärde, diese Beseeltheit der Gesichter, diese Größe der Komposition monumentaler und vergeistigter als manches Werk der damals herrschenden sienesischen Schule erscheint.

Und wenn auch dem Meister von Rohan jene neue Kunstsprache der Naturwahrheit, die wir bei den Miniaturen der Brüder von Limburg rühmen, noch fremd ist, so hat das gotische Ringen um die innere Wahrhaftigkeit hier einen um so dramatischeren Ausdruck gefunden. 






Mittwoch, 13. Juli 2016

Dienstag, 12. Juli 2016

Wissen | Schafgarbe - Achillea millefolium

http://aventin.blogspot.de/2016/07/wissen-schafgarbe-achillea-millefolium.html

Der Sage nach hat der heilkundige Kentaur Cheiron den griechischen Helden Achilles in die Heilkräfte der Schafgarbe eingeweiht. Dieser dürfte vor Troja reichlich Gelegenheit gehabt haben, die Wundheilungskräfte der Pflanze zu erproben. Jedenfalls trägt die Schafgarbe seitdem seinen Namen. 

Die Anwendung der Schafgarbe zur Wundheilung hat sich bis heute erhalten und konnte wissenschaftlich untermauert werden. Das etherische Öl enthält, neben anderen Bestandteilen, Azulen und wirkt entzündungshemmend, desinfizierend sowie blutstillend. Weitere Talente zeigt die Schafgarbe beim inneren Gebrauch als Tee. So wirkt sie als aromatisches Bittermittel bei Magen- und Darmbeschwerden und ihre krampflösenden Eigenschaften macht man sich bei Gallenbeschwerden und Frauenleiden zunutze.






Montag, 11. Juli 2016

Der Igel und das Kalb | Leere Drohung und die Folgen | Fabel von Leo Tolstoi

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Ein Kalb entdeckte einen Igel und sprach: "Ich fresse dich!" Der Igel wusste nicht, dass Kälber keine Igel fressen, erschrak, rollte sich ein und fauchte: "Versuch es doch!" Mit erhobenem Schwanz fing das einfältige Kalb an zu hüpfen, stieß mit den Hörnern in die Luft, spreizte die Vorderfüße und beleckte den Igel. 

"Oi, oi, oi", brüllte das Kalb und rannte zur Kuh-Mutter und beklagte sich: "Der Igel hat mich in die Zunge gestochen." Die Kuh hob den Kopf, blickte nachdenklich drein und riss weiter Gras ab. 

Der Igel indes trollte sich in eine dunkle Höhle unter einer Ebereschenwurzel und meinte fröstelnd: "Ich habe ein riesiges Tier besiegt. Ich muss ein Löwe sein!" Und der Ruf über die Tapferkeit des Igels eilte bis weit hinter den blauen See, bis hinter den dunklen Wald. "Wir haben einen Igel, der ist ein Recke", flüsterten ängstlich die Tiere.

Lehre: 
Eine unüberlegte leere Drohung stärkt nur den Widersacher!








Mittwoch, 6. Juli 2016

tik tak | Alles geht nach der Uhr | Allegorie von Irmela Wendt

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"Alles geht nach der Uhr", sagte, Frau Ureburegurli. "Um ein Uhr haben die Kinder gegessen, bis drei Uhr arbeiten sie an den Schulaufgaben, bis fünf Uhr dürfen sie spielen, um halb sechs essen sie Abendbrot, danach lernt die Oma noch mit den Kindern, und von abends sieben bis morgens sieben schlafen sie. Um acht Uhr gehen sie zur Schule, und um zwölf Uhr dreißig sind sie wieder zu Hause."

"Ich bin mal gespannt", sagt Frau Lustibustigiero, die Nachbarin, "wie lange es dauern wird, bis Ihre Kinder nur noch 'tik tak' sagen."







Dienstag, 5. Juli 2016

Momo | Ein schweigsamer Alter | Michael Ende

http://aventin.blogspot.de/2016/07/momo-ein-schweigsamer-alter-michael-ende.html

Wenn jemand auch sehr viele Freunde hat, so gibt es darunter doch immer einige wenige, die einem ganz besonders nahe stehen und die einem die allerliebsten sind. Und so war es auch bei Momo.

Sie hatte zwei allerbeste Freunde, die beide jeden Tag zu ihr kamen und alles mit ihr teilten, was sie hatten. Der eine war jung, und der andere war alt. Und Momo hätte nicht sagen können, welchen von beiden sie lieber hatte.

Der alte hieß Beppo Straßenkehrer. In Wirklichkeit hatte er wohl einen anderen Namen, aber da er von Beruf Straßenkehrer war und alle ihn deshalb so nannten, nannte er sich selbst auch so.

Beppo Straßenkehrer wohnte in der Nähe des Amphitheaters in einer Hütte, die er sich aus Ziegelsteinen, Wellblechstücken und Dachpappe selbst zusammengebaut hatte. Er war ungewöhnlich klein und ging obendrein immer ein bisschen gebückt, so dass er Momo nur wenig überragte. Seinen großen Kopf, auf dem ein kurzer weißer Haarschopf in die Höhe stand, hielt er stets etwas schräg und auf der Nase trug er eine kleine Brille. Manche Leute waren der Ansicht, Beppo Straßenkehrer sei nicht ganz richtig im Kopf. Das kam daher, dass er auf Fragen nur freundlich lächelte und keine Antwort gab. Er dachte nach. Und wenn er eine Antwort nicht für nötig fand, schwieg er. Wenn er aber eine für nötig hielt, dann dachte er über diese Antwort nach. Manchmal dauerte es zwei Stunden, mitunter aber auch einen  ganzen Tag, bis er etwas erwiderte. Inzwischen hatte der andere natürlich vergessen, was er gefragt hatte, und Beppos Worte kamen ihm wunderlich vor. 

Nur Momo konnte so lange warten und verstand, was er sagte. Sie wusste, dass er sich so viel Zeit nahm, um niemals etwas Unwahres zu sagen. Denn nach seiner Meinung kam alles Unglück der Welt von den vielen Lügen, den absichtlichen, aber auch den unabsichtlichen, die nur aus Eile oder Ungenauigkeit entstehen.

Er fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude. Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte.

Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit. 

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter - Schritt - Atemzug - Besenstrich -.

Während er sich so dahin bewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich sein Zunge, und er fand die richtigen Worte. "Siehst du, Momo, sagte er dann zum Beispiel, "es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man."

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: "Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen."

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: "Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten." Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: "Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein."

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: "Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste." Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: "Das ist wichtig."






Montag, 4. Juli 2016

Stein und Feuer | Die Lernenden | Fabel von Leonardo da Vinci


Der Stein verwunderte sich sehr, als das Feuer ihn schlug, und sagte zu ihm in strenger Stimme: "Was für ein anmaßender Patron bist du, mich zu belästigen. Mir scheint, du warst im Irrtum, als du mich hernahmst. Tu mir nicht Schmerz an; ich vertrug mich noch mit jedermann." 

Da gab das Feuer zur Antwort: "Sei nur geduldig und du wirst sehen, welch wunderbare Frucht ich mit dir erzeuge." Auf diese Worte hin raffte der Stein sich zusammen und hielt geduldig der Marter stand. 

Da sah er, wie aus ihm neues Feuer geboren wurde, und sah, wie die wundervolle Kraft des Feuers in neuen zahllosen Dingen wirkte und wiederum Neues schuf. 

Lehre:
Das Gleichnis hierzu will sagen: Es sind die Lernenden. Zu Anfang ihrer Studien erschrecken sie und verzagen; dann aber nehmen sie sich selbst in Zucht und tun mit Geduld und strengem Fleiß ihre Arbeit. Und so wird in ihren Studien wunderbare Kraft sein und neue überzeugende Gedanken werden aus ihnen entsprießen. (Leonardo da Vinci)






Mittwoch, 29. Juni 2016

Aus einer Handschrift des XV. Jahrhunderts | Kalenderblatt Juni


Neben dem eigentlichen Thema, der Taufe Christi, wird hier das Motiv 'Die Ernte' behandelt. Auf überraschende und reizvolle Weise hat hier der Künstler dem in einen Goldgrund verwobenen Kornfeld eine Raumwirkung gegeben, indem er kleine plastische Figuren hineinstreute, die das Korn und die riesigen Blumen schneiden. Diese Kornblumen und Pechnelken, deren Blautöne einen fast modisch-raffininierten Klang ergeben, zeugen von einer ebenso starken Wirklichkeitsbeobachtung und Daseinsfreude wie die figürlichen Szenen selbst. Zwischen den Schnittern und Schnitterinnen erkennt man zwei herrschaftliche Jagdknechte, deren einer beritten ist und auf der Hand den Falken trägt, während der andere im Kornfeld mit einem Mädchen scharmuziert. 

Man glaubt aus dieser Zeichnung den gelassenen Rhythmus des ländlichen Jahres und das Glück einer selbstverständlichen Ordnung zu spüren, überschattet von der ewigen Wehmut eines uralten Volksliedes:

"Ich hört ein Sichlein rauschen,
Wohl rauschen durch das Korn,
Ich hört eine feine Magd klagen,
Sie hätt ihre Lieb verlorn."

Diese Reproduktion vermittelt eine Ahnung von dem kunstreichen Verfahren, mit dem das Blattgold auf das Pergament gehämmert ist und hierauf dann die deckenden Gouachefarben aufgetragen sind. Das Gold, Lieblingsfarbe des Mittelalters und auf vielen Abbildungen vertreten, wird seit der Ottonischen Zeit häufig als Hintergrund verwendet, als solcher aber später zugunsten der realistischen Tiefenwirkung aufgegeben, die auf der dekorativen Goldfläche nicht zu erzielen ist.  






Montag, 27. Juni 2016

Die Fabel von den Fröschen | Suggestion | Allegorische Weisheit


Eines Tages entschieden die Frösche, einen Wettlauf zu veranstalten. Um es besonders schwierig zu machen, legten sie als Ziel fest, auf die höchste Spitze eines großen Baumes zu gelangen. Am Tag des Wettlaufs versammelten sich also viele Frösche, um zuzusehen.

Dann endlich - der Wettlauf begann. Nun war es so, dass keiner der zuschauenden Frösche wirklich glaubte, dass auch nur ein einziger der teilnehmenden Frösche tatsächlich das Ziel erreichen könne. Statt die Läufer anzufeuern, riefen sie deshalb "Oh je, die Armen! Sie werden es nie schaffen!" oder "Das ist einfach unmöglich!" oder "Das schafft Ihr nie!" Und wirklich schien es, als sollte das Publikum Recht behalten, denn nach und nach gaben immer mehr Frösche auf. Das Publikum schrie weiter: "Oh je, die Armen! Sie werden es nie schaffen!" Und wirklich gaben bald alle Frösche auf - alle, bis auf einen einzigen, der unverdrossen an dem steilen Baum hinauf kletterte - und als einziger das Ziel erreichte. 

Die Zuschauerfrösche waren vollkommen verdattert und alle wollten von ihm wissen, wie das möglich war. Einer der anderen Teilnehmer-Frösche näherte sich ihm deshalb, um zu fragen, wie er es geschafft hätte, den Wettlauf zu gewinnen. Und da erst wurde allen bekannt, dass dieser Frosch taub war!

Lehre: 
Manchmal gereicht ein Mangel auch zum Segen!


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Freitag, 24. Juni 2016

Ein sorglicher Hausgeist | Novelle von Goethe


Ein junger Landmann pachtete einen ansehnlichen Gasthof, der sehr gut gelegen war. Von den Eigenschaften, die zu einem Wirt gehören, besaß er vorzüglich die Behaglichkeit, und weil es ihm von Jugend auf in den Trinkstuben auch wohl gewesen war, mochte er wohl deshalb ein Metier ergriffen haben, das ihn nötigte, den größten Teil des Tages darin zu verbringen. Er war sorglos ohne Liederlichkeit, und sein Behagen breitete sich über alle Gäste aus, die sich bald häufig bei ihm versammelten.

Er hatte eine junge Person geheiratet, eine stille leidliche Natur. Sie versah ihre Geschäfte gut und pünktlich, sie hing an ihrem Hauswesen, sie liebte ihren Mann; doch musste sie ihn bei sich im Stillen tadeln, dass er mit dem Geld nicht sorgfältig genug umging. Das bare Geld nötigte ihr eine gewisse Ehrfurcht ab, sie fühlte ganz den Wert desselben, sowie die Notwendigkeit sich überhaupt in Besitz zu setzen, sich dabei zu erhalten. Ohne eine angeborene Heiterkeit des Gemüts hätte sie alle Anlagen zum strengen Geiz gehabt. Doch ein wenig Geiz schadet nichts. 

Margarete, so will ich meinen sorglichen Hausgeist nennen, war mit ihrem Mann sehr unzufrieden, wenn er zu große Zahlungen machte. Freigiebigkeit ist eine Tugend, die dem Mann ziemt, und Festhalten ist die Tugend einer Frau. So hat es die Natur gewollt, und unser Urteil wird im ganzen naturgemäß ausfallen, wenn er erhaltene aufgekaufte Fourage von Fuhrleuten und Unternehmern, aufgezählt wie sie waren, eine Zeitlang auf dem Tisch liegen ließ, das Geld alsdann in Körbchen einstrich und daraus wieder ausgab und auszahlte, ohne Pakete gemacht zu haben und ohne Rechnung zu führen. Verschiedene ihrer Erinnerungen waren fruchtlos, und sie sah wohl ein, dass, wenn er auch nicht verschwendete, manches in einer solchen Unordnung verschleudert werden müsse. Der Wunsch ihn auf bessere Wege zu leiten war so groß bei ihr, der Verdruss zu sehen, dass manches, was sie im Kleinen erwarb und zusammen hielt, im Großen wieder vernachlässigt wurde und auseinander floss, dass sie sich zu einem gefährlichen Versuch bewogen fühlte, wodurch sie ihm über diese Lebensweise die Augen zu öffnen gedachte. 

Sie nahm sich vor, ihm so viel Geld als möglich aus den Händen zu spielen, und bediente sich dazu einer sonderbaren List. Sie hatte bemerkt, dass er das Geld, das einmal auf dem Tisch aufgezählt war, wenn es eine Zeitlang gelegen hatte, nicht wieder nachzählte, ehe er es aufhob; sie bestrich daher den Boden eines Leuchters mit Talg und setzte ihn, in einem Schein von Ungeschicklichkeit, auf die Stelle, wo die Dukaten lagen, eine Geldsorte, der sie eine besondere Freundschaft gewidmet hatte. Sie erhaschte ein Stück und nebenbei einige kleine Münzsorten und war mit ihrem ersten Fischfang wohl zufrieden; sie wiederholte diese Operation mehrmals; und ob sie sich gleich über ein solches Mittel zu einem guten Zweck kein Gewissen machte, so beruhigte sie sich doch über jeden Zweifel vorzüglich dadurch, dass diese Art der Entwendung für keinen Diebstahl angesehen werden könne, weil sie das Geld nicht mit den Händen weggenommen habe. So vermehrte sich nach und nach ihr heimlicher Schatz, und zwar um desto reichlicher, als sie alles, was bei der inneren Wirtschaft von barem Geld ihr in die Hände floss, auf das strengste zusammenhielt. 

Schon war sie beinahe ein ganzes Jahr ihrem Plan treu geblieben, und hatte indessen ihren Mann sorgfältig beobachtet, ohne eine Veränderung in seinem Humor zu spüren, bis er endlich einmal höchst übler Laune war. Sie suchte ihm die Ursache dieser Veränderung abzuschmeicheln und erfuhr bald, dass er in großer Verlegenheit sei. Es hätte ihm nach der letzten Zahlung, die er an Lieferanten getan, seine Pachtgelder übrig bleiben sollen, sie fehlten aber nicht allein völlig, sondern er habe sogar die Leute nicht ganz befriedigen können. Da er alles im Kopf rechne und wenig aufschreibe, so könne er nicht nachkommen, wo ein solcher Verstoß herrühre. 

Margarete schilderte ihm darauf sein Betragen, die Art, wie er einnehme und ausgebe, den Mangel an Aufmerksamkeit; selbst seine gutmütige Freigebigkeit kam mit in Anschlag, und freilich ließen ihn die Folgen seiner Handelweise, die ihn so sehr drückten, keine Entschuldigung aufbringen.

Margarete konnte ihren Gatten nicht lange in dieser Verlegenheit lassen, um so weniger, als es ihr so sehr zur Ehre gereichte, ihn wieder glücklich zu machen. Sie setzte ihn in Verwunderung, als sie zu seinem Geburtstag, der eben eintrat, und an dem sie ihn sonst mit etwas Brauchbarem anzubinden pflegte, mit einem Körbchen voll Geldrollen ankam. Die verschiedenen Münzsorten waren besonders gepackt, und der Inhalt jedes Röllchens war, mit schlechter Schrift, jedoch sorgfältig, darauf gezeichnet. Wie erstaunte nicht der Mann, als er beinahe die Summe, die ihm fehlte, vor sich sah, und die Frau ihm versicherte, das Geld gehöre ihm. Sie erzählte darauf umständlich, wann und wie sie es genommen, was sie ihm entzogen, und was durch ihren Fleiß erspart worden sei. Sein Verdruss ging in Entzücken über, und die Folge war, wie natürlich, dass er Ausgabe und Einnahme der Frau völlig übertrug, seine Geschäfte vor wie nach, nur mit noch größerem Eifer besorgte, von dem Tag an aber keinen Pfennig Geld mehr in die Hände nahm. Die Frau verwaltete das Amt eines Kassiers mit großen Ehren, kein falscher Laubtaler, ja kein verrufener Sechser ward angenommen, und die Herrschaft im Hause war, wie billig, die Folge ihrer Tätigkeit und Sorgfalt, durch die sie nach dem Verlauf von zehn Jahren ihren Mann in den Stand setzte, den Gasthof mit allem, was dazu gehörte, zu kaufen und zu behaupten.


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Montag, 20. Juni 2016

Die Kaninchen sind schuld | Fabel von James Thurber


Es war einmal eine Kaninchenfamilie, welche unweit von einem Rudel Wölfe lebte. Die Wölfe erklärten, dass die Lebensweise der Kaninchen ihnen nicht gefalle. Die Wölfe waren stolz auf die Art, wie sie selbst lebten, denn jene wäre die einzige richtige Art zu leben, wie sie dachten. 

Eines Nachts wurden einige Wölfe bei einem Erdbeben getötet und die Kaninchen wurden als schuldig erklärt, denn es sei allgemein bekannt, dass Kaninchen mit ihren Hinterbeinen auf den Boden schlügen und damit Erdbeben verursachten. 

In einer anderen Nacht wurde einer der Wölfe von einem Blitz erschlagen, und schuld daran wären natürlich wieder die Kaninchen, denn es sei allgemein bekannt, dass Salatfresser Blitze verursachten. 

Die Wölfe drohten nun, die Kaninchen zu disziplinieren und zu bestrafen, wenn sie sich nicht anständig verhielten und die Kaninchen beschlossen daraufhin, auf eine verlassenen Insel zu fliehen. Aber die anderen Tiere, welche weit entfernt wohnten, beschämten sie, indem sie sagten: "Ihr müsst bleiben, wo ihr seid, und tapfer sein. Dies ist keine Welt für Ausreißer. Wenn die Wölfe euch angreifen, werden wir euch zu Hilfe kommen, aller Wahrscheinlichkeit nach." 

So blieben die Kaninchen in der Nachbarschaft der Wölfe wohnen, aber eines Tages kam eine schreckliche Überschwemmung, welche eine große Anzahl Wölfe ersäufte. Auch daran wären die Kaninchen schuld, denn es sei allgemein bekannt, dass Mohrrübenknabberer mit langen Ohren Überschwemmungen verursachten. 

Die Wölfe fielen nun über die Kaninchen her, wie sie meinten zu ihrem eigenen Besten und sperrten sie in eine finstere Höhle, zu ihrem eigenen Schutz. Als man ein paar Wochen lang nichts mehr von den Kaninchen zu hören bekam, richteten die andern Tiere eine Anfrage an die Wölfe, was mit jenen denn geschehen sei. Die Wölfe erwiderten, die Kaninchen seien gefressen worden und da sie gefressen worden seien, sei der Fall eine rein innere Angelegenheit der Wölfe. Die anderen Tiere drohten jedoch, sie würden sich möglicherweise gegen die Wölfe verbünden, wenn kein plausibler Grund für die Vernichtung der Kaninchen angegeben würde. So gaben die Wölfe einen an. "Sie versuchten auszureißen", sagten die Wölfe, "und wie ihr wisst, ist dies keine Welt für Ausreißer!" 

Moral: 
Man suche beizeiten sein Heil in der Flucht!


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Freitag, 17. Juni 2016

Farbenphänomene | Mennig | Johann Wolfgang Goethe


Wie das reine Gelb sehr leicht in das Orange hinübergeht, so ist die Steigerung dieses letzten ins Mennig (Gelbrote) nicht aufzuhalten. Das angenehme heitere Gefühl, das uns das Orange noch gewährt, steigert sich bis zum unerträglich Gewaltsamen im hohen Gelbroten. 

Die aktive Seite ist hier in ihrer höchsten Energie, und es ist kein Wunder, dass energische, gesunde, rohe Menschen sich besonders an dieser Farbe erfreuen. Man hat die Neigung zu derselben bei wilden Völkern durchaus bemerkt. Und wenn Kinder, sich selbst überlassen, zu illuminieren anfangen, so werden sie Zinnober und Mennig nicht schonen.

Man darf eine vollkommen gelbrote Fläche starr ansehen, so scheint sich die Farbe wirklich ins Organ zu bohren. Sie bringt eine unglaubliche Erschütterung hervor und behält diese Wirkung bei einem ziemlichen Grade von Dunkelheit.

Die Erscheinung eines gelbroten Tuches beunruhigt und erzürnt die Tiere. Auch habe ich gebildete Menschen gekannt, denen es unerträglich fiel, wenn ihnen an einem sonst grauen Tag jemand im Scharlachrock begegnete. 
  

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Dienstag, 14. Juni 2016

Der Zwerg von Volkringhausen und das Hirtenmädchen


In der Nähe von Volkringhausen liegt eine Höhle. Dort wohnte vor Zeiten ein Zwerg, dem ein Hirtenkind aus Volkringhausen gar wohl gefiel. Das Mädchen fand einst am Berghang ein zierliches Hämmerchen. Da es glaubte, das müsse einem Zwerg gehören, legte es das Werkzeug in den Eingang der Höhle. Als das Mädchen sich umdrehte, stand plötzlich der Zwerg vor ihr, der sie aus dem Gebüsch heraus still beobachtet hatte. Er bedankte sich bei der ehrlichen Finderin und schenkte ihr ein Paar Schuhe mit silbernen Spangen. Das Mädchen war darüber so überrascht, dass es ganz vergaß, dem Männlein zu danken. Und als sie sich darauf besann, war der Zwerg verschwunden. Da wand sie einen Strauß von Immergrün, Engelsüss und Tausendschön, legte ihn vor der Höhle nieder und trieb dann die Herde heim. 

Am anderen Morgen, als die Hirtin wieder oben auf dem Felsen saß, wo sie ihre Herde am besten überschauen konnte und wo sie auch gern ihre frohen Lieder sang, stand, wie aus den Wolken gefallen, wieder der Zwerg vor ihr. Er reichte ihr einen silbernen Haarreifen und sprach: "Du bist ein gutes Kind. Bring mir in jedem Sommer einen Strauß, wie du es gestern getan hast, und ich will es dir lohnen. Den frischen Blumenstrauß aber lege unter den Rosendorn, der dort am Felsen steht." 

Das Hirtenkind erfüllte nun alljährlich den bescheidenen Wunsch des Zwerges, pflückte Immergrün und Engelsüss am Felshang und Tausendschön im Tal, trug den Strauß zur rechten Stelle hin und erhielt ein jedes Mal reichen Lohn. 

Nach sieben Jahren aber, als das Mädchen zur blühenden Jungfrau herangewachsen war, bat es den Zwerg, er möge sie doch einmal in das Reich der Zwerge führen und ihr zeigen, wo seine Wohnung sei. Das bekümmerte den guten Zwerg gar sehr, und er warnte es eindringlich und sprach: "Kind, lass ab von deinem Begehren, oder es wird dein Unglück sein!" Doch das Mädchen bestand auf ihrem Willen, denn die Schätze hatten ihr das Herz betört. Da nahm der Zwerg ein Eibenreis, steckte es ihr ins Haar, dass sie die Heimat nicht vergäße, hauchte ihr auf die Augen, damit ihr das unterirdische Licht nicht schade, und ging dann voran in den Berg. Das Mädchen schaute sich noch einmal um, ließ ihre Herde im Tal und folgte ihm. 

Als die Hirtin durch eine Pforte von leuchtendem Bergkristall geschritten war, stand sie ganz im Zauber der Unterwelt. Ihre Sinne waren verwirrt von all der Pracht und Herrlichkeit. Sprachlos folgte sie ihrem Führer und wanderte weiter und immer weiter. Und sie sah auch den König der Zwerge in Gold und Purpur auf dem Thron sitzen. Wie sie zuletzt an einen kleinen See kam, in welchem sich tausend farbige Lichter widerspiegelten, erblickte sie im Wasser ihr eigenes Bild. Und als sie das Eibenreis im Haar sah, gedachte sie der Mutter daheim und der trauten Gespielinnen und der Wiese im Tal. Und sie wünschte sich fort aus der Unterwelt, damit sie wieder unter Menschen wäre. 

Daraufhin wurde sie zurückgeführt und sah bald wieder das Sonnenlicht und stand am Berghang, dort, wo sonst der Rosendorn grünte. Aber der Dorn stand nicht mehr am Felsen, und die Bäumchen, die sonst am Berg wuchsen, waren in haushohe Stämme mit ausgedehnten Kronen verwandelt, und von der Herde war kein einziges Tier mehr zu finden. Da stand das Mädchen wie im Traum und glaubte, sie befände sich an einem fremden Ort. Schnell eilte sie hinunter ins Tal und suchte das Haus ihrer Mutter. Das Heimatdorf lag im stillen Frieden der Abendsonne, aber an der Stelle, wo sonst die Mutter wohnte, befand sich nur zerfallenes Gemäuer, und Brombeerranken legten sich darüber. Nur der alte Birnbaum mit der breiten Bank aus Stein war noch da. 

Wie das Mädchen nun auf der Bank saß, die Hände rang und klagte, kamen die Nachbarn herbei und fragten, was ihr Begehren sei; denn sie war allen fremd und unbekannt. Als sie aber ihren Namen nannte und erzählte, sie sei am Morgen in den Berg gestiegen, und nun nach wenigen Stunden habe sich alles so verändert, trat eine alte Frau hervor, schloss das Mädchen unter Tränen in die Arme und sprach: "Kind, Kind, was ist mit dir geschehen? Vor vielen Jahren bist du verschwunden, und alles Suchen war umsonst. - Deine Mutter ist gestorben, und als nach Jahren euer Haus in Rauch und Flammen aufging, sind Bruder und Schwester in die weite Welt gezogen, und keiner weiß wohin." Da wollte dem Mädchen die Brust zerspringen, und sie starb noch  am gleichen Tag vor lauter Herzeleid.


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