Aventin Blog: Juni 2016

Mittwoch, 29. Juni 2016

Aus einer Handschrift des XV. Jahrhunderts | Kalenderblatt Juni


Neben dem eigentlichen Thema, der Taufe Christi, wird hier das Motiv 'Die Ernte' behandelt. Auf überraschende und reizvolle Weise hat hier der Künstler dem in einen Goldgrund verwobenen Kornfeld eine Raumwirkung gegeben, indem er kleine plastische Figuren hineinstreute, die das Korn und die riesigen Blumen schneiden. Diese Kornblumen und Pechnelken, deren Blautöne einen fast modisch-raffininierten Klang ergeben, zeugen von einer ebenso starken Wirklichkeitsbeobachtung und Daseinsfreude wie die figürlichen Szenen selbst. Zwischen den Schnittern und Schnitterinnen erkennt man zwei herrschaftliche Jagdknechte, deren einer beritten ist und auf der Hand den Falken trägt, während der andere im Kornfeld mit einem Mädchen scharmuziert. 

Man glaubt aus dieser Zeichnung den gelassenen Rhythmus des ländlichen Jahres und das Glück einer selbstverständlichen Ordnung zu spüren, überschattet von der ewigen Wehmut eines uralten Volksliedes:

"Ich hört ein Sichlein rauschen,
Wohl rauschen durch das Korn,
Ich hört eine feine Magd klagen,
Sie hätt ihre Lieb verlorn."

Diese Reproduktion vermittelt eine Ahnung von dem kunstreichen Verfahren, mit dem das Blattgold auf das Pergament gehämmert ist und hierauf dann die deckenden Gouachefarben aufgetragen sind. Das Gold, Lieblingsfarbe des Mittelalters und auf vielen Abbildungen vertreten, wird seit der Ottonischen Zeit häufig als Hintergrund verwendet, als solcher aber später zugunsten der realistischen Tiefenwirkung aufgegeben, die auf der dekorativen Goldfläche nicht zu erzielen ist.  






Dienstag, 28. Juni 2016

Der Zauberlehrling | Ballade von Johann Wolfgang Goethe


Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben!
Seine Wort' und Werke
Merkt' ich und den Brauch, 
und mit Geistesstärke
Tu' ich Wunder auch.

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!

Walle! walle
Manche Strecke,
Dass, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder;
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! - 
Ach, ich merk' es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Auch, das Wort, worauf am Ende
Es das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
Kann ich's  lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh' ich über jeder Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen, 
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!

Willst's am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten.
Wahrlich brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mit, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Nass und nässer
Wird's im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!

Herr und Meister! hör' mich rufen! -
Ah, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd' ich nun nicht los.

"In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid's gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu diesem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister."






Montag, 27. Juni 2016

Die Fabel von den Fröschen | Suggestion | Allegorische Weisheit


Eines Tages entschieden die Frösche, einen Wettlauf zu veranstalten. Um es besonders schwierig zu machen, legten sie als Ziel fest, auf die höchste Spitze eines großen Baumes zu gelangen. Am Tag des Wettlaufs versammelten sich also viele Frösche, um zuzusehen.

Dann endlich - der Wettlauf begann. Nun war es so, dass keiner der zuschauenden Frösche wirklich glaubte, dass auch nur ein einziger der teilnehmenden Frösche tatsächlich das Ziel erreichen könne. Statt die Läufer anzufeuern, riefen sie deshalb "Oh je, die Armen! Sie werden es nie schaffen!" oder "Das ist einfach unmöglich!" oder "Das schafft Ihr nie!" Und wirklich schien es, als sollte das Publikum Recht behalten, denn nach und nach gaben immer mehr Frösche auf. Das Publikum schrie weiter: "Oh je, die Armen! Sie werden es nie schaffen!" Und wirklich gaben bald alle Frösche auf - alle, bis auf einen einzigen, der unverdrossen an dem steilen Baum hinauf kletterte - und als einziger das Ziel erreichte. 

Die Zuschauerfrösche waren vollkommen verdattert und alle wollten von ihm wissen, wie das möglich war. Einer der anderen Teilnehmer-Frösche näherte sich ihm deshalb, um zu fragen, wie er es geschafft hätte, den Wettlauf zu gewinnen. Und da erst wurde allen bekannt, dass dieser Frosch taub war!

Lehre: 
Manchmal gereicht ein Mangel auch zum Segen!






Freitag, 24. Juni 2016

Ein sorglicher Hausgeist | Novelle von Goethe


Ein junger Landmann pachtete einen ansehnlichen Gasthof, der sehr gut gelegen war. Von den Eigenschaften, die zu einem Wirt gehören, besaß er vorzüglich die Behaglichkeit, und weil es ihm von Jugend auf in den Trinkstuben auch wohl gewesen war, mochte er wohl deshalb ein Metier ergriffen haben, das ihn nötigte, den größten Teil des Tages darin zu verbringen. Er war sorglos ohne Liederlichkeit, und sein Behagen breitete sich über alle Gäste aus, die sich bald häufig bei ihm versammelten.

Er hatte eine junge Person geheiratet, eine stille leidliche Natur. Sie versah ihre Geschäfte gut und pünktlich, sie hing an ihrem Hauswesen, sie liebte ihren Mann; doch musste sie ihn bei sich im Stillen tadeln, dass er mit dem Geld nicht sorgfältig genug umging. Das bare Geld nötigte ihr eine gewisse Ehrfurcht ab, sie fühlte ganz den Wert desselben, sowie die Notwendigkeit sich überhaupt in Besitz zu setzen, sich dabei zu erhalten. Ohne eine angeborene Heiterkeit des Gemüts hätte sie alle Anlagen zum strengen Geiz gehabt. Doch ein wenig Geiz schadet nichts. 

Margarete, so will ich meinen sorglichen Hausgeist nennen, war mit ihrem Mann sehr unzufrieden, wenn er zu große Zahlungen machte. Freigiebigkeit ist eine Tugend, die dem Mann ziemt, und Festhalten ist die Tugend einer Frau. So hat es die Natur gewollt, und unser Urteil wird im ganzen naturgemäß ausfallen, wenn er erhaltene aufgekaufte Fourage von Fuhrleuten und Unternehmern, aufgezählt wie sie waren, eine Zeitlang auf dem Tisch liegen ließ, das Geld alsdann in Körbchen einstrich und daraus wieder ausgab und auszahlte, ohne Pakete gemacht zu haben und ohne Rechnung zu führen. Verschiedene ihrer Erinnerungen waren fruchtlos, und sie sah wohl ein, dass, wenn er auch nicht verschwendete, manches in einer solchen Unordnung verschleudert werden müsse. Der Wunsch ihn auf bessere Wege zu leiten war so groß bei ihr, der Verdruss zu sehen, dass manches, was sie im Kleinen erwarb und zusammen hielt, im Großen wieder vernachlässigt wurde und auseinander floss, dass sie sich zu einem gefährlichen Versuch bewogen fühlte, wodurch sie ihm über diese Lebensweise die Augen zu öffnen gedachte. 

Sie nahm sich vor, ihm so viel Geld als möglich aus den Händen zu spielen, und bediente sich dazu einer sonderbaren List. Sie hatte bemerkt, dass er das Geld, das einmal auf dem Tisch aufgezählt war, wenn es eine Zeitlang gelegen hatte, nicht wieder nachzählte, ehe er es aufhob; sie bestrich daher den Boden eines Leuchters mit Talg und setzte ihn, in einem Schein von Ungeschicklichkeit, auf die Stelle, wo die Dukaten lagen, eine Geldsorte, der sie eine besondere Freundschaft gewidmet hatte. Sie erhaschte ein Stück und nebenbei einige kleine Münzsorten und war mit ihrem ersten Fischfang wohl zufrieden; sie wiederholte diese Operation mehrmals; und ob sie sich gleich über ein solches Mittel zu einem guten Zweck kein Gewissen machte, so beruhigte sie sich doch über jeden Zweifel vorzüglich dadurch, dass diese Art der Entwendung für keinen Diebstahl angesehen werden könne, weil sie das Geld nicht mit den Händen weggenommen habe. So vermehrte sich nach und nach ihr heimlicher Schatz, und zwar um desto reichlicher, als sie alles, was bei der inneren Wirtschaft von barem Geld ihr in die Hände floss, auf das strengste zusammenhielt. 

Schon war sie beinahe ein ganzes Jahr ihrem Plan treu geblieben, und hatte indessen ihren Mann sorgfältig beobachtet, ohne eine Veränderung in seinem Humor zu spüren, bis er endlich einmal höchst übler Laune war. Sie suchte ihm die Ursache dieser Veränderung abzuschmeicheln und erfuhr bald, dass er in großer Verlegenheit sei. Es hätte ihm nach der letzten Zahlung, die er an Lieferanten getan, seine Pachtgelder übrig bleiben sollen, sie fehlten aber nicht allein völlig, sondern er habe sogar die Leute nicht ganz befriedigen können. Da er alles im Kopf rechne und wenig aufschreibe, so könne er nicht nachkommen, wo ein solcher Verstoß herrühre. 

Margarete schilderte ihm darauf sein Betragen, die Art, wie er einnehme und ausgebe, den Mangel an Aufmerksamkeit; selbst seine gutmütige Freigebigkeit kam mit in Anschlag, und freilich ließen ihn die Folgen seiner Handelweise, die ihn so sehr drückten, keine Entschuldigung aufbringen.

Margarete konnte ihren Gatten nicht lange in dieser Verlegenheit lassen, um so weniger, als es ihr so sehr zur Ehre gereichte, ihn wieder glücklich zu machen. Sie setzte ihn in Verwunderung, als sie zu seinem Geburtstag, der eben eintrat, und an dem sie ihn sonst mit etwas Brauchbarem anzubinden pflegte, mit einem Körbchen voll Geldrollen ankam. Die verschiedenen Münzsorten waren besonders gepackt, und der Inhalt jedes Röllchens war, mit schlechter Schrift, jedoch sorgfältig, darauf gezeichnet. Wie erstaunte nicht der Mann, als er beinahe die Summe, die ihm fehlte, vor sich sah, und die Frau ihm versicherte, das Geld gehöre ihm. Sie erzählte darauf umständlich, wann und wie sie es genommen, was sie ihm entzogen, und was durch ihren Fleiß erspart worden sei. Sein Verdruss ging in Entzücken über, und die Folge war, wie natürlich, dass er Ausgabe und Einnahme der Frau völlig übertrug, seine Geschäfte vor wie nach, nur mit noch größerem Eifer besorgte, von dem Tag an aber keinen Pfennig Geld mehr in die Hände nahm. Die Frau verwaltete das Amt eines Kassiers mit großen Ehren, kein falscher Laubtaler, ja kein verrufener Sechser ward angenommen, und die Herrschaft im Hause war, wie billig, die Folge ihrer Tätigkeit und Sorgfalt, durch die sie nach dem Verlauf von zehn Jahren ihren Mann in den Stand setzte, den Gasthof mit allem, was dazu gehörte, zu kaufen und zu behaupten.






Dienstag, 21. Juni 2016

Geschichte vom Mäuseturm zu Bingen | Sage aus Deutschland


Wo aus dem Rheinstrom unterhalb von Bingen weiße Klippen gefahrdrohend emporragen und nur einen schmalen Raum -- Binger Loch -- für die Durchfahrt freilassen, da erhebt sich in der Nähe der Ruine Ehrenfels und unweit des Rheinsteins inmitten der schäumenden Fluten ein finsteres Gemäuer. Es ist 'Hattos Turm'. Von Eulen und Fledermäusen umflattert, erscheint er dem Beschauer wie das Haus eines Bösen, wie das Denkmal eines ungeheuren Frevels. 'Mäuseturm' nennt die Sage jenes Gemäuer, von dem der Schiffer mit Grauen das Gesicht abwendet. 
  
Einst lebte zu Mainz ein Erzbischof namens Hatto, dessen Herz rauh, hart und unempfänglich war gegen die Not der Bedrängten. Um diese Zeit brach am Rhein und rings in der Gegend eine große Hungersnot aus, so dass viele Menschen umkamen. Der Bischof jedoch, dessen Speicher voll mit Korn gefüllt waren, öffnete diese nur dem Wucher, aber nicht den Armen seines weiten Sprengels. Als die Not seiner Untertanen größer und größer wurde, fanden sich die hungernden Menschen in Scharen zusammen und flehten den gefühllosen Mann um Erbarmen und Nahrung an. Als sie merkten, dass dies umsonst war, murrten sie und fluchten dem Tyrannen in ohnmächtiger Wut. Aber das Herz des Bischofs regte sich nicht vor Mitleid sondern vor Zorn. Er ergrimmte so sehr, dass er seine Schergen ausschickte, die Murrenden zu fangen und sperrte sie sodann in eine große Scheune ein und ließ Feuer legen. Als die Unglücklichen von den Flammen ergriffen wurden und ihr Todesgeschrei bis in den Bischofspalast drang, bis an die Ohren des Unmenschen und aller derjenigen, die mit ihm an der üppigen Tafel saßen, da rief dieser in teuflischem Hohn: "Hört ihr die Kornmäuslein unten pfeifen?" Da wurde es plötzlich ganz still und die Sonne verhüllte ihr Antlitz. Im Saal wurde es dunkel, und die angezündeten Kerzen vermochten nicht mehr die Dämmerung zu durchbrechen, die den finsteren Mann von nun an umlagerte. Und siehe da! Im Saal begann es sich zu regen, und aus allen Winkeln, aus den Ritzen des Fußbodens, zu den Fenstern herein und von der Decke herab krochen und liefen Scharen nagender Mäuse und erfüllten alsbald alle Gemächer des Palastes. Ohne Scheu sprangen sie auf die Tische und benagten die Speisen vor den Augen der erstaunten Versammlung. Immer neue kamen hinzu, und kein Brotkrümel auf der Tafel blieb verschont und kein Bissen, der zum Mund geführt werden sollte. Da ergriffen Furcht und Entsetzen sie alle, die das sahen, und seine Freunde, seine Knechte und Mägde flohen in die Nähe des Geächteten. Der  aber wollte nur entrinnen, bestieg sodann eilends allein ein Schiff und fuhr den Rhein hinab bis zu jenem Turm, der von den Wellen des Stroms umspült wird. Dort wähnte er sich vor seinen unersättlichen Peinigern sicher. Doch auch hier wiederum krochen Tausende von Mäusen mit Gepfeife aus alIen Wänden hervor. Vergebens erstieg der Erzbischof Hatto, bebend vor Angst und stumm vor Entsetzen, die höchste Warte. Auch dahin folgten sie ihm, und heißhungrig fielen sie den unmenschlichen Spötter an. Bald war nichts mehr von ihm übrig. So lautet die Sage von jenem einsamen Turm mitten im Rhein.







Montag, 20. Juni 2016

Die Kaninchen sind schuld | Fabel von James Thurber


Es war einmal eine Kaninchenfamilie, welche unweit von einem Rudel Wölfe lebte. Die Wölfe erklärten, dass die Lebensweise der Kaninchen ihnen nicht gefalle. Die Wölfe waren stolz auf die Art, wie sie selbst lebten, denn jene wäre die einzige richtige Art zu leben, wie sie dachten. 

Eines Nachts wurden einige Wölfe bei einem Erdbeben getötet und die Kaninchen wurden als schuldig erklärt, denn es sei allgemein bekannt, dass Kaninchen mit ihren Hinterbeinen auf den Boden schlügen und damit Erdbeben verursachten. 

In einer anderen Nacht wurde einer der Wölfe von einem Blitz erschlagen, und schuld daran wären natürlich wieder die Kaninchen, denn es sei allgemein bekannt, dass Salatfresser Blitze verursachten. 

Die Wölfe drohten nun, die Kaninchen zu disziplinieren und zu bestrafen, wenn sie sich nicht anständig verhielten und die Kaninchen beschlossen daraufhin, auf eine verlassenen Insel zu fliehen. Aber die anderen Tiere, welche weit entfernt wohnten, beschämten sie, indem sie sagten: "Ihr müsst bleiben, wo ihr seid, und tapfer sein. Dies ist keine Welt für Ausreißer. Wenn die Wölfe euch angreifen, werden wir euch zu Hilfe kommen, aller Wahrscheinlichkeit nach." 

So blieben die Kaninchen in der Nachbarschaft der Wölfe wohnen, aber eines Tages kam eine schreckliche Überschwemmung, welche eine große Anzahl Wölfe ersäufte. Auch daran wären die Kaninchen schuld, denn es sei allgemein bekannt, dass Mohrrübenknabberer mit langen Ohren Überschwemmungen verursachten. 

Die Wölfe fielen nun über die Kaninchen her, wie sie meinten zu ihrem eigenen Besten und sperrten sie in eine finstere Höhle, zu ihrem eigenen Schutz. Als man ein paar Wochen lang nichts mehr von den Kaninchen zu hören bekam, richteten die andern Tiere eine Anfrage an die Wölfe, was mit jenen denn geschehen sei. Die Wölfe erwiderten, die Kaninchen seien gefressen worden und da sie gefressen worden seien, sei der Fall eine rein innere Angelegenheit der Wölfe. Die anderen Tiere drohten jedoch, sie würden sich möglicherweise gegen die Wölfe verbünden, wenn kein plausibler Grund für die Vernichtung der Kaninchen angegeben würde. So gaben die Wölfe einen an. "Sie versuchten auszureißen", sagten die Wölfe, "und wie ihr wisst, ist dies keine Welt für Ausreißer!" 

Moral: 
Man suche beizeiten sein Heil in der Flucht!






Freitag, 17. Juni 2016

Farbenphänomene | Mennig | Johann Wolfgang Goethe


Wie das reine Gelb sehr leicht in das Orange hinübergeht, so ist die Steigerung dieses letzten ins Mennig (Gelbrote) nicht aufzuhalten. Das angenehme heitere Gefühl, das uns das Orange noch gewährt, steigert sich bis zum unerträglich Gewaltsamen im hohen Gelbroten. 

Die aktive Seite ist hier in ihrer höchsten Energie, und es ist kein Wunder, dass energische, gesunde, rohe Menschen sich besonders an dieser Farbe erfreuen. Man hat die Neigung zu derselben bei wilden Völkern durchaus bemerkt. Und wenn Kinder, sich selbst überlassen, zu illuminieren anfangen, so werden sie Zinnober und Mennig nicht schonen.

Man darf eine vollkommen gelbrote Fläche starr ansehen, so scheint sich die Farbe wirklich ins Organ zu bohren. Sie bringt eine unglaubliche Erschütterung hervor und behält diese Wirkung bei einem ziemlichen Grade von Dunkelheit.

Die Erscheinung eines gelbroten Tuches beunruhigt und erzürnt die Tiere. Auch habe ich gebildete Menschen gekannt, denen es unerträglich fiel, wenn ihnen an einem sonst grauen Tag jemand im Scharlachrock begegnete. 
  




Mittwoch, 15. Juni 2016

Über den Werdegang des Menschen | Zitat von Gogol


Der heutige Mensch lacht über den
Unverstand der Vorfahren und
beginnt mit stolzem Selbstvertrauen
eine Reihe von neuen Verirrungen,
über die dann wieder die
Nachkommen lachen werden.

Nikolai Wassiljewitsch Gogol






Dienstag, 14. Juni 2016

Der Zwerg von Volkringhausen und das Hirtenmädchen


In der Nähe von Volkringhausen liegt eine Höhle. Dort wohnte vor Zeiten ein Zwerg, dem ein Hirtenkind aus Volkringhausen gar wohl gefiel. Das Mädchen fand einst am Berghang ein zierliches Hämmerchen. Da es glaubte, das müsse einem Zwerg gehören, legte es das Werkzeug in den Eingang der Höhle. Als das Mädchen sich umdrehte, stand plötzlich der Zwerg vor ihr, der sie aus dem Gebüsch heraus still beobachtet hatte. Er bedankte sich bei der ehrlichen Finderin und schenkte ihr ein Paar Schuhe mit silbernen Spangen. Das Mädchen war darüber so überrascht, dass es ganz vergaß, dem Männlein zu danken. Und als sie sich darauf besann, war der Zwerg verschwunden. Da wand sie einen Strauß von Immergrün, Engelsüss und Tausendschön, legte ihn vor der Höhle nieder und trieb dann die Herde heim. 

Am anderen Morgen, als die Hirtin wieder oben auf dem Felsen saß, wo sie ihre Herde am besten überschauen konnte und wo sie auch gern ihre frohen Lieder sang, stand, wie aus den Wolken gefallen, wieder der Zwerg vor ihr. Er reichte ihr einen silbernen Haarreifen und sprach: "Du bist ein gutes Kind. Bring mir in jedem Sommer einen Strauß, wie du es gestern getan hast, und ich will es dir lohnen. Den frischen Blumenstrauß aber lege unter den Rosendorn, der dort am Felsen steht." 

Das Hirtenkind erfüllte nun alljährlich den bescheidenen Wunsch des Zwerges, pflückte Immergrün und Engelsüss am Felshang und Tausendschön im Tal, trug den Strauß zur rechten Stelle hin und erhielt ein jedes Mal reichen Lohn. 

Nach sieben Jahren aber, als das Mädchen zur blühenden Jungfrau herangewachsen war, bat es den Zwerg, er möge sie doch einmal in das Reich der Zwerge führen und ihr zeigen, wo seine Wohnung sei. Das bekümmerte den guten Zwerg gar sehr, und er warnte es eindringlich und sprach: "Kind, lass ab von deinem Begehren, oder es wird dein Unglück sein!" Doch das Mädchen bestand auf ihrem Willen, denn die Schätze hatten ihr das Herz betört. Da nahm der Zwerg ein Eibenreis, steckte es ihr ins Haar, dass sie die Heimat nicht vergäße, hauchte ihr auf die Augen, damit ihr das unterirdische Licht nicht schade, und ging dann voran in den Berg. Das Mädchen schaute sich noch einmal um, ließ ihre Herde im Tal und folgte ihm. 

Als die Hirtin durch eine Pforte von leuchtendem Bergkristall geschritten war, stand sie ganz im Zauber der Unterwelt. Ihre Sinne waren verwirrt von all der Pracht und Herrlichkeit. Sprachlos folgte sie ihrem Führer und wanderte weiter und immer weiter. Und sie sah auch den König der Zwerge in Gold und Purpur auf dem Thron sitzen. Wie sie zuletzt an einen kleinen See kam, in welchem sich tausend farbige Lichter widerspiegelten, erblickte sie im Wasser ihr eigenes Bild. Und als sie das Eibenreis im Haar sah, gedachte sie der Mutter daheim und der trauten Gespielinnen und der Wiese im Tal. Und sie wünschte sich fort aus der Unterwelt, damit sie wieder unter Menschen wäre. 

Daraufhin wurde sie zurückgeführt und sah bald wieder das Sonnenlicht und stand am Berghang, dort, wo sonst der Rosendorn grünte. Aber der Dorn stand nicht mehr am Felsen, und die Bäumchen, die sonst am Berg wuchsen, waren in haushohe Stämme mit ausgedehnten Kronen verwandelt, und von der Herde war kein einziges Tier mehr zu finden. Da stand das Mädchen wie im Traum und glaubte, sie befände sich an einem fremden Ort. Schnell eilte sie hinunter ins Tal und suchte das Haus ihrer Mutter. Das Heimatdorf lag im stillen Frieden der Abendsonne, aber an der Stelle, wo sonst die Mutter wohnte, befand sich nur zerfallenes Gemäuer, und Brombeerranken legten sich darüber. Nur der alte Birnbaum mit der breiten Bank aus Stein war noch da. 

Wie das Mädchen nun auf der Bank saß, die Hände rang und klagte, kamen die Nachbarn herbei und fragten, was ihr Begehren sei; denn sie war allen fremd und unbekannt. Als sie aber ihren Namen nannte und erzählte, sie sei am Morgen in den Berg gestiegen, und nun nach wenigen Stunden habe sich alles so verändert, trat eine alte Frau hervor, schloss das Mädchen unter Tränen in die Arme und sprach: "Kind, Kind, was ist mit dir geschehen? Vor vielen Jahren bist du verschwunden, und alles Suchen war umsonst. - Deine Mutter ist gestorben, und als nach Jahren euer Haus in Rauch und Flammen aufging, sind Bruder und Schwester in die weite Welt gezogen, und keiner weiß wohin." Da wollte dem Mädchen die Brust zerspringen, und sie starb noch  am gleichen Tag vor lauter Herzeleid.






Montag, 13. Juni 2016

Der Fuchs und der Storch | Persönliche Interessen | Fabel von Lessing

 

"Erzähle mir doch etwas von den fremden Ländern, die du alle schon gesehen hast", sagte der Fuchs zu dem weit gereisten Storch. 

Daraufhin fing der Storch an weitläufig auszuholen mit seiner Erzählung und jede Lache und jede feuchte Wiese zu benennen, wo er die schmackhaftesten Würmer und die fettesten Frösche gefunden und verspeist hätte. 

Der Fuchs war darüber nicht sehr erfreut und ging seines Weges mit den Abschiedsworten: "wie schön für dich". 

Lehre: 
Jedem Tierchen sein Plaisierchen!






Freitag, 10. Juni 2016

Die letzte Blume | Zufriedenheit | Parabel von James Thurber


Wie jedermann weiß, verursachte Weltkrieg XII den Zusammenbruch der Zivilisation. Städte und Dörfer verschwanden von der Erde. Alle Haine und Wälder wurden zerstört und alle Gärten und alle Kunstwerke.

Männer, Frauen und Kinder sanken auf eine tiefere Stufe herab, als die primitivsten Tiere. Entmutigt und enttäuscht verließen die Hunde ihre gefallenen Herren. Der bedauernswerte Zustand der einstigen Erdgebieter machte die Kaninchen so kühn, dass sie über sie herfielen.

Bücher, Gemälde und auch die Musik verschwanden von der Erde, und die Menschen saßen herum und taten nichts. Jahre um Jahre verstrichen. Sogar die paar Generäle, die übrig geblieben waren, vergaßen, worum es im letzten Krieg eigentlich gegangen war. Es wuchsen Knaben und Mädchen heran, die einander ausdruckslos anstarrten, denn die Liebe hatte die Erde verlassen. Eines Tages fand ein junges Mädchen, das noch niemals eine Blume gesehen hatte, zufällig die letzte Blume der Erde. Sie erzählte es den anderen Menschen, dass die letzte Blume verwelke. Der einzige, der zuhörte, war ein junger Mann, dem sie beim Herumwandern begegnete. Der junge Mann und das Mädchen pflegten die Blume gemeinsam, und sie begann sich wieder zu erholen.

Eines Tages besuchten eine Biene und ein Kolibri die Blume. Bald darauf waren zwei Blumen da, und dann vier und dann eine große Menge. Haine und Wälder wuchsen wieder. Das junge Mädchen fing an, sich für das Aussehen des jungen Mannes zu interessieren. Der junge Mann entdeckte, dass es angenehm war, das junge Mädchen zu berühren. Die Liebe kam wieder auf die Erde. Ihre Kinder wuchsen kräftig und gesund heran und lernten zu springen und zu lachen. Die Hunde kehrten aus ihrem Exil zurück. Der junge Mann entdeckte, dass man einen Unterschlupf bauen konnte, wenn man einen Stein auf den anderen legte. Bald darauf baute sich jedermann solche Unterkünfte. Städte und Dörfer entstanden. Das Lied kehrte auf die Erde zurück und Troubadoure und Gaukler und Schuster und Schneider und Maler und Dichter und Bildhauer und Wagenschmiede und Soldaten und Leutnants und Hauptleute und Generalmajore und Generale und die Befreier. Manche Leute beschlossen hier zu leben und andere dort. Bald darauf wollten die, welche in die Täler gezogen waren, auf den Hügeln leben und die, welche auf die Hügel gezogen waren, wollten in den Tälern leben. 

Dann aber schürten die Befreier wieder das Feuer der Unzufriedenheit. Und so gab es wieder Krieg auf der Erde.

Diesmal war die Zerstörung so vollständig, dass nichts mehr auf der Erde übrigblieb, außer einem Mann und einer Frau und einer Blume.






Mittwoch, 8. Juni 2016

Über die Freundschaft | Zitat von Johann Gottfried Herder


Einzeln ist der Mensch ein schwaches Wesen, aber stark in der Verbindung mit anderen. Einsam müht er sich umsonst.

Ein Blick des Freundes oder der Freundin in sein Herz, ein Wort des Rates und des Trostes weitet und hebt den niedrigen Himmel und rückt die Decke des Trauerns hinweg.






Dienstag, 7. Juni 2016

Der Axtdieb | Vorurteile | Geschichte aus China


Ein Mann hatte seine Axt verloren und vermutete, dass der Sohn des Nachbarn sie ihm gestohlen habe. Er beobachtete ihn daher ganz genau: Sein Gang und sein Blick waren ganz der eines Axtdiebes. Alles, was er tat und auch wie er sich benahm, sah nach einem Axtdieb aus. 

Einige Zeit später fand der Mann zufällig seine Axt unter einem Bretterhaufen wieder.

Am Tag darauf begegnete der Mann wieder dem Sohn des Nachbarn: Sein Gang war nicht der eines Axtdiebes und auch sein Blick war es nicht. Er sah ganz anders aus und benahm sich auch nicht wie ein Axtdieb.  

Lehre: 
Vorurteile machen blind und trüben den Blick!






Mittwoch, 1. Juni 2016

An was allem zu zweifeln ist | Zitat von Renatus Cartesius


An allem ist zu zweifeln!

Da wir als unwissende Kinder geboren werden und von den sinnlichen Dingen vielerlei Urteile vor dem Erwachsen werden gefällt haben, ehe wir den vollkommenen Gebrauch unserer Vernunft hatten, werden wir durch viele uns in der Kindheit zugelegten Vorurteile von der Kenntnis des Wahren abgestoßen. 

Von eben diesen Vorurteilen scheinen wir uns nicht anders befreien zu können, als dass wir im Leben an allem zweifeln, worin wir nur den geringsten Verdacht einer Ungewissheit zu erkennen vermögen. (René Descartes)





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