Aventin Blog: April 2015

Donnerstag, 30. April 2015

Du wurdest mit Flügeln geboren • Lerne sie zu nutzen und flieg!

Ulrike Barbara von Radichevich
Du bist gleich einem Vogel im Käfig, der zwar oft vom Fliegen, vom sich erheben und von der Weite des Himmels träumt, die geöffnete Käfigtür aber ängstlich ignoriert. Der Käfig steht offen, warum willst du nicht ins Freie? Im Käfig ist das Leben einsam, kalt und dunkel und es gibt immer das gleiche Futter. Flieg hinaus! Draußen scheint die Sonne, und die Vögel ziehen große Kreise der Freiheit durch das Blau des Himmels, flieg zu ihnen, du bist frei! So flieg doch zur Wärme der Sonne zur Farbe des Firmaments! Sicherheit ist die Kleidung des Lichts, hülle dich ganz darin ein, und du wirst das Licht, ja selbst die Sonne, wirst du sein! Der Käfig steht offen, flieg hinaus, draußen wärmen weissgoldene Strahlen das Kleid der Federn und der Wind trägt dich bis in den Siebenten Himmel. Wage es, ergreife den Mut, und lass dich ins Leben fallen. Im Käfig kannst du die Flügel bewegen, doch die Freiheit des Fliegens zu fühlen ist dort unmöglich. Komm nur, komm heraus, komm heraus aus dir selbst, der Käfig steht offen, stürze dich ins Leben ohne Vorsicht, lass dich fallen in das Meer aus Licht. Wie oft muss der Käfig noch in den Staub zu Boden fallen, ehe du ihn verlässt? Du bist frei, die Tür steht offen, flieg hinaus. Jene Stätte die du ersehnst ist außerhalb allgegenwärtig, die Stäbe deines Käfigs verdecken dir die wahre Sicht. Flieg hinaus und sieh den Käfig von außen, Tränen des Glücks wirst du vergießen und lachen über die zahlreichen Schatten die dich umgaben. Erhebe dich aus dem Staub, erblicke das Blau des Himmels und spüre der Sonnenstrahlen Wärme Licht! Erhebe dich aus des Lebens Flammenmeer und werde grenzenlos frei wie der Himmel! Zerbrich diese Welt der Täuschung, wie ein Küken das Ei. Verlasse den Käfig! JETZT! Du - bist - Frei! 






Mittwoch, 29. April 2015

Dienstag, 28. April 2015

Unübertrefflicher Sparsinn • Fabel aus Vietnam

In Hanoi lebte und wirkte einst ein weiser Mann, zu dem brachten viele Eltern ihre heranwachsenden Söhne, damit er sie in aller Lebenskunst, darunter auch im rechten Wirtschaften, unterweise. Eines Tages schickte der Meister einen ihm anvertrauten jungen Mann auf den Markt, er sollte Opferkuchen für ein Ahnenopfer einkaufen, aber sich sonst nichts aufschwätzen lassen. Der kam nach einiger Zeit wieder, brachte auch einen schönen Opferkuchen mit, doch außerdem trug er unter dem Arm ein mageres, ängstlich gackerndes Hühnchen. "Was soll das, ungehorsamer und törichter Freund?" erkundigte sich der Lehrer unwillig. Der Schüler antwortete freundlich: "Bitte, Meister, höre an, was ich mir gedacht habe. Wenn ich den Kuchen zum Opfer zerbreche, werden dabei eine Menge Krümel auf die Erde fallen; wäre es nicht schade um sie? Das Hühnchen aber wird sie aufpicken, davon wachsen, später Eier legen. Die Eier und auch das Huhn kann man dann mit gutem Gewissen verkaufen. Dünkt dich das töricht gehandelt?" "Genug! Bravo, junger Meister der Meister!" rief der Lehrer. "Wenn du nicht willst, dass ich in Zukunft bei dir Unterricht nehme, so kehre zu deinen Eltern zurück!" (Vietnam)







Dienstag, 21. April 2015

Bauer und Schiffsmann • Fabel von Abraham a Sancta Clara

Ein Bauer konnte sich über die Kühnheit der Schiffsleute gar nicht genug wundern, die einem schwachen Holz Leib und Seele anvertrauten und beides so oft an den wilden Meeresklippen einbüßten. Darum fragte er einstmals einen Schiffer, wo denn sein Vater gestorben wäre. "Auf dem Meer", antwortete der Schiffsmann. "Und dein Großvater und dein Urgroßvater?" fragte der Bauer. "Auch auf dem Meer", bekam er zur Antwort. "Auch auf dem Meer?", sagte der Bauer. "Wie kannst du dann so närrisch sein und dich dem Meere anvertrauen, das dir deinen Vater, Großvater und Urgroßvater fortgenommen hat?"

"Und dein Vater und dein Großvater", fragte der Schiffsmann den Bauern, "wo sind die gestorben?" - "In ihrem Bett", erwiderte der Bauer. "Und warum bist du dann ein so großer Narr", sagte der Schiffsmann, "dass du alle Nacht in dasselbe Bett steigst, auf dem deine Vorfahren gestorben sind!"

Es macht weniger etwas aus, wo einer stirbt; wenn er nur selig stirbt. 






Montag, 20. April 2015

Die Taube und die Krähe • Freude und Leid • Fabel von Aesop

Eine Taube brüstete sich unter andern Vögeln mit ihrer Fruchtbarkeit: "Ich brüte", sagte sie, "jährlich acht bis zwölf Junge aus, füttere sie, lehre sie fressen und fliegen, fliege mit ihnen auf die Kornfelder und lebe froh mit Kindern, Enkeln und Urenkeln, während ihr andern Vögel kaum ein Paar aushecket!" "Still!" sagte eine Krähe, die dies mit anhörte, "prahle nicht mit etwas, was dir so unendlich viel Kummer und Leid verursachen kann! So viele Junge du hast, so viele Male könntest du auch Kummer und Trauer anlegen müssen. Kaum haben sie die ersten Federn, liegen sie womöglich schon auf den Tafeln der Menschen." 

So kann es manchmal im Leben sein: Kurze Freude und viel Leid - und doch halten Freuden im Gedächtnis länger Stand.






Freitag, 17. April 2015

Lieben und dabei sich selbst finden • Hermann Hesse

Foto ravens_legacy
Es war ein Liebender, der ohne Hoffnung liebte. Er zog sich ganz in seine Seele zurück und meinte vor Liebe zu verbrennen. Die Welt ging ihm verloren, er sah den blauen Himmel und den grünen Wald nicht mehr, der Bach rauschte ihm nicht, die Harfe klang ihm nicht, alles war versunken, und er war arm und elend geworden. Seine Liebe aber wuchs, und er wollte viel lieber sterben und verkommen, als auf den Besitz der schönen Frau verzichten, die er liebte. Da spürte er, wie seine Liebe alles andre in ihm verbrannt hatte, und er wurde wieder mächtig und zog und zog, und die schöne Frau musste folgen, sie kam, er stand mit ausgebreiteten Armen, um sie an sich zu ziehen. Wie sie aber vor ihm stand, da war sie ganz verwandelt, und mit Schauern fühlte und sah er, dass er die ganze verlorene Welt zu sich her gezogen hatte. Sie stand vor ihm und ergab sich ihm, Himmel und Wald und Bach, alles kam in neuen Farben frisch und herrlich ihm entgegen, gehörte ihm, sprach seine Sprache. Und statt bloß eine Frau zu gewinnen, hatte er die ganze Welt am Herzen, und jeder Stern am Himmel glühte ihm und funkelte Lust durch seine Seele.

Die meisten lieben, um sich dabei zu verlieren. Er aber hatte geliebt und dabei sich selbst gefunden. (Hermann Hesse)





Donnerstag, 16. April 2015

Schatzgräber im Weinberg • Gedicht von Gottfried August Bürger


Ein Winzer, der am Tode lag,
Rief seine Kinder an und sprach:
"In unserem Weinberg liegt ein Schatz:
Grabt nur danach!" - "An welchem Platz?",
Schrie alles laut den Vater an. -
"Grabt nur!" - O weh! da starb der Mann.
Kaum war der Alte beigeschafft,
Da grub man nach aus Leibeskraft.
Mit Hacke, Karst und Spaten ward
Der Weinberg um und um gescharrt.
Da war kein Kloß, der ruhig blieb;
Man warf die Erde gar durchs Sieb.
Und zog die Harken kreuz und quer
Nach jedem Steinchen hin und her.
Allein da ward kein Schatz verspürt,
und jeder hielt sich angeführt.
Doch kaum erschien das nächste Jahr,
So nahm man mit Erstaunen wahr,
Dass jede Rebe dreifach trug.
Da wurden erst die Söhne klug
und gruben nun jahrein, jahraus
Des Schatzes immer mehr heraus. 






Dienstag, 14. April 2015

Die beiden Hähne und der Adler • Fabel von Aesop

Von zwei Hähnen, welche um Hennen miteinander kämpften, behielt der eine die Oberhand über den andern. Der Überwundene zog sich zurück und verbarg sich an einem dunklen Orte; der Sieger aber flog aufwärts, stellte sich auf ein hohes Dach und krähte mit lauter Stimme. Da schoss jählings ein Adler herab und nahm ihn mit sich fort. Nunmehr kam der Versteckte ungehindert wieder aus seinem Verschlupf hervor und gesellte sich zu den Hennen.


Wer zuletzt kräht, kräht am besten und wer hoch steigt, wird tief fallen!







Montag, 13. April 2015

Die Knaben und die Frösche • Fabel von Aesop

Einige mutwillige Knaben machten sich eines Tages die größte Freude daraus, an einem Teiche jeden Frosch, so wie er hervortauchte, mit Steinen zu bewerfen. Je mehr Frösche sie verwundeten, je größer und lauter wurde das Geschrei, bis endlich ein alter Frosch auftauchte und ihnen zurief: "Kinder, bedenkt doch, was ihr tut, dass ihr uns armen Tiere, die euch nichts Böses taten, quält und schuldlos tötet." Dies machte die Knaben aufmerksam, sie dachten darüber nach und gingen beschämt nach Hause. 

Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.







Freitag, 10. April 2015

Ehem. Zisterzienserkloster Maulbronn | Topographie von H. Hesse

Im Nordwesten des Landes liegt zwischen waldigen Hügeln und kleinen stillen Seen das große Zisterzienserkloster Maulbronn. Weitläufig, fest und wohl erhalten stehen die schönen alten Bauten und wären ein verlockender Wohnsitz, denn sie sind prächtig, von innen und außen, und sie sind in den Jahrhunderten mit ihrer ruhig schönen, grünen Umgebung edel und innig zusammengewachsen. Wer das Kloster besuchen will, tritt durch ein malerisches, die hohe Mauer öffnendes Tor auf einen weiten und sehr stillen Platz. Ein Brunnen läuft dort, und es stehen alte ernste Bäume da und zu beiden Seiten alte steinerne und feste Häuser und im Hintergrunde die Stirnseite der Hauptkirche mit einer spätromanischen Vorhalle, Paradies genannt, von einer graziösen, entzückenden Schönheit ohnegleichen. Auf dem mächtigen Dach der Kirche reitet ein nadelspitzes, humoristisches Türmchen, von dem man nicht begreift, wie es eine Glocke tragen soll. Der unversehrte Kreuzgang, selber ein schönes Werk, enthält als Kleinod eine köstliche Brunnenkapelle; das Herrenrefektorium mit kräftig edlem Kreuzgewölbe, weiter Oratorium, Parlatorium, Laienrefektorium, Abtwohnung und zwei Kirchen schließen sich massig aneinander. Malerische Mauern, Erker, Tore, Gärtchen, eine Mühle, Wohnhäuser umkränzen behaglich und heiter die wuchtigen alten Bauwerke. Der weite Vorplatz liegt still und leer und spielt im Schlaf mit den Schatten seiner Bäume; nur in der Stunde nach Mittag kommt ein flüchtiges Scheinleben über ihn. Dann tritt eine Schar junger Leute aus dem Kloster, verliert sich über die weite Fläche, bringt ein wenig Bewegung, Rufen, Gespräch und Gelächter mit, spielt etwa auch ein Ballspiel und verschwindet nach Ablauf der Stunde rasch und spurlos hinter den Mauern. 
Auf diesem Platz hat schon mancher sich gedacht, hier wäre der Ort für ein tüchtiges Stück Leben und Freude, hier müßte etwas Lebendiges, Beglückendes wachsen können, hier müßten reife und gute Menschen ihre freudigen Gedanken denken und schöne, heitere Werke schaffen. Die Stiftung, auf deren Kosten die Seminaristen leben und studieren dürfen, hat hierdurch dafür gesorgt, dass ihre Zöglinge eines besonderen Geistes Kinder werden, an welchem sie später jederzeit erkannt werden können - eine feine und sichere Art der Brandmarkung. Mit Ausnahme der Wildlinge, die sich je und je einmal losreißen, kann man denn auch jeden schwäbischen Seminaristen sein Leben lang als solchen erkennen.

Das Kloster Maulbronn ist eine ehemalige Zisterzienserabtei in der Ortsmitte von Maulbronn. Die Anlage gilt als die am besten erhaltene mittelalterliche Klosteranlage nördlich der Alpen. Hier sind alle Stilrichtungen und Entwicklungsstufen von der Romanik bis zur Spätgotik vertreten. Das Kloster Maulbronn ist seit 12/1993 Weltkulturerbe der UNESCO. (Wikipedia)








Donnerstag, 9. April 2015

Der Kaufmann und der Papagei • Heitere Ballade


Ein Kaufmann einen Papagei besaß, 
in Sang und Rede wohl erfahren. 
Der saß als Wächter an des Ladens Pforte 
und sprach zu jedem Kunden kluge Worte. 
Der Menschenkinder Sprache kannte er, 
doch auch seinesgleichen Weisen verstand er. 
Vom Laden ging nach Haus einst sein Gebieter 
und ließ den Papagei zurück als Hüter. 
Ein Kätzlein plötzlich in den Laden sprang, 
um eine Maus zu fangen; todesbang, 
flatterte hin und her der Papagei 
und stieß ein Glas mit Rosenöl entzwei. 
Von seinem Hause kam der Kaufmann wieder 
und setzte sorglos sich im Laden nieder. 
Da sah er Rosenöl all überall, 
im Zorn schlug er das Haupt des Vogels kahl. 
Die Zeit verstrich, der Vogel sprach nicht mehr. 
Da kam die Reu', der Kaufmann seufzte schwer. 

Wär' mir, da auf den Redner 
ich den bösen Schlag geführt, 
doch lahm die Hand gewesen! 

"Wohl gab er frommen Bettlern reiche Spende, 
auf dass sein Tier die Sprache wiederfände; umsonst! 
Als er am vierten Morgen klagend, 
in tausend Sorgen, was zu machen sei, 
dass wieder reden mög' sein Papagei, 
ließ sich mit bloßem Haupt ein Gelehrter blicken, 
den Schädel glatt wie eines Beckens Rücken. 
Da fing der Vogel gleich zu reden an 
und rief dem Weisen zu: "Sag lieber Mann, 
wie wurdest Kahlkopf du zum Kahlen? Sprich! 
Vergossest du vielleicht auch Öl wie ich?" 
Man lachte des Vergleichs, 
dass seine Lage 
der Vogel auf den Weisen übertrage.







Mittwoch, 8. April 2015

Knobel • Bauer - Ziege - Wolf - Kohlkopf • Rätsel


Wie bringt ein Bauer eine Ziege, einen Wolf und einen Kohlkopf über den Fluss, wenn er aber nur einen von den dreien auf die Fähre laden darf? Dabei muss er darauf achten, dass die Ziege nicht den Kohlkopf und der Wolf nicht die Ziege frisst! Wen fährt er also der Reihe nach hinüber?



▂ ▃ ▄ ▅ ▆ ▇   Antwort   ▇ ▆ ▅ ▄ ▃ ▂








Dienstag, 7. April 2015

Der Fuhrmann und Herkules • Fabel von Aesop

Ein Fuhrmann war mit seinem Wagen, welcher mit Holz schwer beladen war, unterwegs nach Hause. Als der Wagen im Morast stecken blieb, flehte sein Lenker, ohne sich selbst auch nur im geringsten zu bemühen, alle Götter und Göttinnen um Hilfe an. Vor allem bat er den wegen seiner Stärke allgemein verehrten Herkules, ihm beizustehen. 

Da soll ihm dieser erschienen sein und ihm seine Lässigkeit also vorgeworfen haben: "Lege die Hände an die Räder und treibe mit der Peitsche dein Gespann an, zu den Göttern flehe jedoch erst dann, wenn du selbst etwas getan hast; sonst wirst du sie vergeblich anrufen."







Montag, 6. April 2015

metamórphosis: Zu allen Zeiten in der Geschichte der Menschheit

Zur Geschichte der Menschheit:

Das Wort Sufi wird hergeleitet aus Safá, 
was folgendes bedeutet: 
rein, gereinigt von Unkenntniss & Unwissenheit,
Aberglauben & Dogmatismus.










Donnerstag, 2. April 2015

Der Löwe und der Sufi • Allegorie über Gottvertrauen

Der Sufi Ibrahim Al-Khauwas berichtet: „Eines Tages kam ich in der Wüste zu einem Baum an einer Wasserstelle und erblickte – mir zugewandt – einen gewaltigen Löwen. Ich gab mich Gott anheim. Als sich der Löwe näherte, lahmte er. Er kam, ließ sich vor mir nieder und brüllte laut. Ich sah an seiner Tatze ein eitriges Geschwür, ergriff einen Stock und spaltete die Tatze, damit sie von dem Eiter, der sich angesammelt hatte, frei wurde. Ich band einen Lappen um die Tatze, und der Löwe stand auf und verschwand. Nach einer Stunde kam er wieder, mit allen seinen Jungen. Sie umringten mich, wedelten mit den Schwänzen und legten eine Lende vor mich hin.“








Mittwoch, 1. April 2015

Von Trauer, Qual und Tod • Novelle von Hermann Hesse

Foto Lisa Spreckelmeyer
Wieder schossen aus allen vergessenen Schächten seines Lebens frei gewordene Erinnerungen zu ihm empor, unzählbare: an Gesprächen, an seine Verlobungszeit, an Kleider, die er als Kind getragen, an Ferienmorgen der Studentenzeit, und ordneten sich in Kreisen um einige feste Mittelpunkte: um die Gestalt seiner Frau, um seine Mutter, um den Mörder Wagner, um Teresina. Stellen aus klassischen Schriften  fielen ihm ein und lateinische Sprichwörter, die ihn als Schüler einst ergriffen hatten, und törichte sentimentale Verse aus Volksliedern. Der Schatten seines Vaters stand hinter ihm, er erlebte wieder den Tod seiner Schwiegermutter. Alles, was je durch Auge und Ohr, durch Menschen und Bücher, mit Wonne oder Leid in ihn eingegangen und in ihm untergesunken war, alles schien wieder da zu sein, alles zugleich, aufgerührt und durcheinander gewirbelt, ohne Ordnung, doch voller Sinn, alles wichtig, alles bedeutungsvoll, alles unverloren. Der Andrang wurde zur Qual, zu einer Qual, die von höchster Wollust nicht zu unterscheiden war. Sein Herz schlug rasch, Tränen standen ihm in den Augen. Er begriff, dass er nahe am Wahnsinn stehe, und wusste doch, dass er nicht wahnsinnig werden würde, und blickte zugleich in dies neue Seelenland des Irrsinns mit demselben Erstaunen und Entzücken wie in die Vergangenheit, wie in den See, wie in den Himmel: auch hier war alles zauberhaft, wohllaut und voll Bedeutung. Er begriff, warum im Glauben edler Völker der Wahnsinn für heilig galt. Er begriff alles, alles sprach zu ihm, alles war ihm erschlossen. Es gab keine Worte dafür, es war falsch und hoffnungslos, irgend etwas in Worten ausdenken und verstehen zu wollen! Man musste nur offenstehen, nur bereit sein: dann konnte jedes Ding, dann konnte in unendlichem Zug wie in eine Arche Noahs die ganze Welt in einen hineingehen, und man besaß sie, verstand sie und war eins mit ihr.







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