Aventin Blog: 2015

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern ⋅ Silvestergeschichte ⋅ Hans Christian Andersen


E
s war entsetzlich kalt; es schneite, und der Abend dunkelte bereits; es war der letzte Abend im Jahre, Silversterabend. In dieser Kälte und in dieser Finsternis ging auf der Straße ein kleines armes Mädchen mit bloßen Kopfe und nackten Füßen. Es hatte wohl freilich Pantoffel angehabt, als es von Hause fortging, aber was konnte das helfen! Es waren sehr große Pantoffeln, sie waren früher von seiner Mutter gebraucht worden, so groß waren sie, und diese hatte die Kleine verloren, als sie über die Straße eilte, während zwei Wagen in rasender Eile vorüberjagten; der eine Pantoffel war nicht wiederaufzufinden und mit dem anderen machte sich ein Knabe aus dem Staube, welcher versprach, ihn als Wiege zu benutzen, wenn er einmal Kinder bekäme.

Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten zierlichen Füßchen, die vor Kälte ganz rot und blau waren. In ihrer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer und ein Bund hielt sie in der Hand. Während des ganzen Tages hatte ihr niemand etwas abgekauft, niemand ein Almosen gereicht. Hungrig und frostig schleppte sich die arme Kleine weiter und sah schon ganz verzagt und eingeschüchtert aus. Die Schneeflocken fielen auf ihr langes blondes Haar, das schön gelockt über ihren Nacken hinabfloß, aber bei diesem Schmucke weilten ihre Gedanken wahrlich nicht. Aus allen Fenstern strahlte heller Lichterglanz und über alle Straßen verbreitete sich der Geruch von köstlichem Gänsebraten. Es war ja Silvesterabend, und dieser Gedanke erfüllte alle Sinne des kleinen Mädchens.

In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas weiter in die Straße vorsprang als das andere, kauerte es sich nieder. Seine kleinen Beinchen hatte es unter sich gezogen, aber es fror nur noch mehr und wagte es trotzdem nicht, nach Hause zu gehen, da es noch kein Schächtelchen mit Streichhölzern verkauft, noch keinen Heller erhalten hatte. Es hätte gewiß vom Vater Schläge bekommen, und kalt war es zu Hause ja auch; sie hatten das bloße Dach gerade über sich, und der Wind pfiff schneidend hinein, obgleich Stroh und Lumpen in die größten Ritzen gestopft waren. Ach, wie gut mußte ein Schwefelhölzchen tun! Wenn es nur wagen dürfte, eins aus dem Schächtelchen herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu wärmen! Endlich zog das Kind eins heraus. Ritsch! wie sprühte es, wie brannte es. Das Schwefelholz strahlte eine warme helle Flamme aus, wie ein kleines Licht, als es das Händchen um dasselbe hielt. Es war ein merkwürdiges Licht; es kam dem kleinen Mädchen vor, als säße es vor einem großen eisernen Ofen mit Messingbeschlägen und Messingverzierungen; das Feuer brannte so schön und wärmte so wohltuend! Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen - da erlosch die Flamme. Der Ofen verschwand - sie saß mit einem Stümpchen des ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand da.

Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und an der Stelle der Mauer, auf welche der Schein fiel, wurde sie durchsichtig wie ein Flor. Die Kleine sah gerade in die Stube hinein, wo der Tisch mit einem blendend weißen Tischtuch und feinem Porzellan gedeckt stand, und köstlich dampfte die mit Pflaumen und Äpfeln gefüllte, gebratene Gans darauf. Und was noch herrlicher war, die Gans sprang aus der Schüssel und watschelte mit Gabel und Messer im Rücken über den Fußboden hin; gerade die Richtung auf das arme Mädchen schlug sie ein. Da erlosch das Schwefelholz, und nur die dicke kalte Mauer war zu sehen.

Sie zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem herrlichsten Weihnachtsbaum; er war noch größer und weit reicher ausgeputzt als der, den sie am Heiligabend bei dem reichen Kaufmann durch die Glastür gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder, wie die, welche in den Ladenfenstern ausgestellt werden, schauten auf sie hernieder, die Kleine streckte beide Hände nach ihnen in die Höhe - da erlosch das Schwefelholz. Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher, und sie sah jetzt erst, daß es die hellen Sterne waren. Einer von ihnen fiel herab und zog einen langen Feuerstreifen über den Himmel.

"Jetzt stirbt jemand!" sagte die Kleine, denn die alte Großmutter, die sie allein freundlich behandelt hatte, jetzt aber längst tot war, hatte gesagt: "Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott empor!"

Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer; es warf einen weiten Lichtschein ringsumher, und im Glanze desselben stand die alte Großmutter hell beleuchtet mild und freundlich da.

"Großmutter!" rief die Kleine, "oh, nimm mich mit dir! Ich weiß, daß du verschwindest, sobald das Schwefelholz ausgeht, verschwindest, wie der warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der große flimmernde Weihnachtsbaum!" Schnell strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer an, die sich noch im Schächtelchen befanden, sie wollte die Großmutter festhalten; und die Schwefelhölzer verbreiteten einen solchen Glanz, daß es heller war als am lichten Tag. So schön, so groß war die Großmutter nie gewesen; sie nahm das kleine Mädchen auf ihren Arm, und hoch schwebten sie empor in Glanz und Freude; Kälte, Hunger und Angst wichen von ihm - sie war bei Gott.

Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit Lächeln um den Mund - tot, erfroren am letzten Tage des alten Jahres. Der Morgen des neuen Jahres ging über der kleinen Leiche auf, die mit den Schwefelhölzern, wovon fast ein Schächtelchen verbrannt war, dasaß. "Sie hat sich wärmen wollen!" sagte man. Niemand wußte, was sie schönes gesehen hatte, in welchem Glanze sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war. 





Donnerstag, 24. Dezember 2015

Ich sehn' mich so nach einem Land ⋅ Weihnachten ⋅ Hermann Hesse


Ich sehn' mich so nach einem Land
der Ruhe und Geborgenheit.
Ich glaub', ich hab's einmal gekannt,
als ich den Sternenhimmel weit
und klar vor meinen Augen sah,
unendlich großes Weltenall.

Und etwas dann mit mir geschah:
Ich ahnte, spürte auf einmal,
dass alles: Sterne, Berg und Tal,
ob ferne Länder, fremdes Volk,
sei es der Mond, sei's Sonnnenstrahl,
dass Regen, Schnee und jede Wolk,
dass all das in mir drin ich find,
verkleinert, einmalig und schön.

Ich muss gar nicht zu jedem hin,
ich spür das Schwingen, spür die Tön'
eines jeden Dinges, nah und fern,
wenn ich mich öffne und werd' still
in Ehrfurcht vor dem großen Herrn,
der all dies schuf und halten will.

Ich glaube, das war der Moment,
den sicher jeder von uns kennt,
in dem der Mensch zur Lieb' bereit:
Ich glaub, da ist Weihnachten nicht weit! 

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Ein Weihnachtslicht für Alle ⋅ Münchner Frauenturmbeleuchtung


Wer sich vor über fünfzig Jahren während der Adventszeit der Stadt München näherte, konnte etwas entdecken, was es vorher noch nicht gegeben hatte: Hoch über den Dächern der Altstadt erstrahlten die Fenster der beiden Frauentürme in heimeligem Licht und verliehen der nächtlichen Stadtsilhouette einen beinahe biedermeierlichen Reiz.

Nur wenige Eingeweihte mussten, dass die Idee und Durchführung dieser Festbeleuchtung allein der Initiative eines einzelnen Münchner Bürgers zu verdanken war.

Man ist es ja gewohnt, dass Künstler immer ihre eigenwilligen Vorstellungen verwirklichen wollen. Als aber der Schwabinger Holzbildhauer Albin Schuster die dafür zuständigen Stellen für seinen Frauenturmplan gewinnen wollte, hielt man diesen für absolut absurd und undurchführbar. Nicht von ungefähr bedurfte es deshalb einer unerschütterlichen Überzeugungskraft, bis die kirchlichen und behördlichen Bedenken zerstreut und der Initiator mit Hilfe eines sachkundigen Freundes endlich ans Werk gehen konnte. Es ist nicht zuviel gesagt, dass dieses Unternehmen, von dem nur ein kleiner Kreis erfuhr, einer Pioniertat gleichkam. Denn vor allem der Aufstieg im liftlosen nördlichen Turm brachte nicht geahnte technische Probleme mit sich. Doch dies war für die beiden damals 70jährigen Männer, die mit jugendlichem Elan und ganz erfüllt von ihrem Vorhaben ans Werk gingen, kein Grund, zu resignieren. 

Ab dem Jahr 1974 gelang es somit den beiden, die Frauenturmfenster bereits zur Vorweihnachtszeit als ein Zeichen der adventlichen Hoffnung und der frohen Botschaft zum Leuchten zu bringen und sich, aber auch allen, die in diesen Wochen durch die nächtlichen Straßen und über den Kripperlmarkt gingen, eine besondere Weihnachtsstimmung zu vermitteln.




Dienstag, 22. Dezember 2015

Das Licht ⋅ Advent ⋅ Geschichte von Heinrich Lhotzky


In einem Winkel der Welt kauerte verbissen, trotzig und freudlos eine dicke, schauerliche Finsternis. Plötzlich erschien in dieser Not ein kleines Licht, klein, aber ein Licht. Jemand hatte es hingestellt.

Es war ganz einfach da und leuchtete. Einer, der vorüberging, meinte: "Du ständest besser woanders als in diesem abgelegenen Winkel."

"Warum?" fragte das Licht. "Ich leuchte, weil ich Licht bin, und weil ich leuchte bin ich Licht. Ich leuchte nicht, um gesehen zu werden, nein ich leuchte, weil es mir Freude macht Licht zu sein"

Aber die düstere Finsternis ging zähneknirschend und wütend gegen das Licht an. Und doch war die ganze große Finsternis machtlos gegen dieses winzige Licht.




Montag, 21. Dezember 2015

Schon wieder ist fast ein Jahr vorbei ⋅ Adventgedanken


Schon wieder ist fast ein Jahr vorbei, ein Jahr unseres Lebensweges, den wir mit den verschiedensten Menschen gegangen sind. Wen haben wir, wer hat uns begleitet? Wen oder was haben wir gesucht? Gefunden? Verloren?

Manche suchen auf ihren Wanderungen auch gern nach den unscheinbaren Dingen. Es muss nicht immer alles großartig, zauberhaft oder überwältigend sein. Was wir an unseren Mitmenschen besonders gern mögen, sind doch die Kleinigkeiten. Und gerade diese sind so wichtig, weil sie das Leben ausmachen. Da sein dürfen, wach sein, lebendig sein in einer Welt, die uns immer tristere Zukunftsvisionen einräumen will. Ganz Mensch sein dürfen, mit Herz und Verstand, mit Gefühl, Vertrauen und Toleranz. Aber auch NEIN sagen können inmitten einer so geschäftigen, gar nicht adventlichen Zeit. Wütend werden über all das, was das Leben bedroht. Doch dabei auch zart bleiben, weich sein und das ganz ohne Gewalt. Leise Worte und sanfte Gesten finden und zeigen, dass man auch verletzlich ist. Sich den Mitmenschen, einem Kind, einsamen oder alten Menschen zuwenden, besonders jenen, die in Not sind. Den Boden wieder unter den Füßen spüren und sich dabei selbst wiederfinden.

Was will man uns heute nicht alles einreden! Das Ego ist gefragt! Man müsse sich selbst behaupten, brauche Stehvermögen und Emanzipation! Gebrauche deine Ellenbogen, zu was hat man sie denn! Erfolg, Macht und Ansehen sind von Nöten um vorwärts zu kommen!

Aber das geht nur auf Kosten seiner Selbst und der Anderen. Ist das der Sinn des Lebens? Und wo bleibt die Liebe?

Um sich von all dem zu lösen, dazu gehört schon ein großes Stück Verwegenheit. Der Verfasser wünscht deshalb allen Lesern den Mut, diese Verwegenheit, welche letztendlich zur Freiheit für sich und alle anderen führt, zu finden und zu gewinnen. Die Freiheit eines neuen verantwortlichen Bewusstseins mit dem Blick auf das Ganze!





Freitag, 18. Dezember 2015

Es war keine Liebe darin • Geschichte zum Advent


Es war an einem Tag kurz vor Weihnachten. Ich besuchte einen alten Bekannten im Altenheim. Zu dem Zimmer des alten Herrn der alleine für sich wohnte, war gerade eben noch der Paketzustelldienst gekommen. Darum wunderte ich mich nicht, dass auf mein Klopfen zunächst keine Antwort kam. "Aha, das Weihnachtspaket!" dachte ich. Tatsächlich, als es endlich hieß: "Herein!" stand der alte Herr vor dem Tisch und stocherte in dem eben geöffneten Paket. Man sah auf den ersten Blick, dass es ein Paket mit teueren Geschenken war. 

Später hörte ich, dass die Absenderin, die Tochter des alten Herrn, eine reiche Geschäftsfrau sei. Soweit ich sehen konnte, befanden sich im Paket Zigarren, Tabak, Cognac, Kaviar, Sekt, Lederartikel und noch vieles mehr - alles, was man sich nur ersehnen konnte. 

Der alte Herr aber machte zu all dem nur ein mürrisches Gesicht. Kein Fünkchen Freude war zu sehen. "Aber Herr Huber", sagte ich jetzt, "wie kann man vor solch einem Weihnachtspaket ein so  trauriges Gesicht machen? Da sind doch nur gute und wertvolle Sachen darin!" Da sah mich der alte Herr an und sagte: "Da ist keine Liebe darin!" Dann begann er von der reichen Tochter zu erzählen. Augenscheinlich hat sie das Paket von den Angestellten packen lassen. Auf einer billigen vorgedruckten Weihnachtskarte stand geschrieben: "Deine Tochter Luise und Schwiegersohn". Sonst nichts! Kein persönlicher Weihnachtswunsch, kein Besuch und auch keine Einladung wie: "Feiere das Fest mit uns!"







Mittwoch, 16. Dezember 2015

Wer oder was ist das? • Es hat mal vier, zwei oder drei Beine!


Es ist am Morgen vierfüßig,
am Mittag zweifüßig und
am Abend dreifüßig.



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Dienstag, 15. Dezember 2015

Der Rattenfänger von Hameln • Sage aus Deutschland


Im Jahre 1284 ließ sich in Hameln ein sonderbarer Mann sehen. Er trug einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch, weswegen er Bundting geheißen haben soll, und gab sich für einen Rattenfänger aus. Er versprach für einen bestimmten Lohn die Stadt von allen Ratten und Mäusen zu befreien. Die Bürger wurden mit ihm einig und sicherten ihm den verlangten Betrag zu. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen aus der Tasche und begann eine eigenartige Weise zu pfeifen. Da kamen sogleich die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Sobald der Fänger glaubte, es sei keine mehr zurückgeblieben, schritt er langsam zum Stadttor hinaus, und der ganze Haufen folgte ihm bis an die Weser. Dort schürzte der Mann seine Kleider, stieg in den Fluss, und alle Tiere sprangen hinter ihm drein und ertranken.

Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der versprochene Lohn, und sie verweigerten dem Mann die Auszahlung unter allerlei Ausflüchten, so dass er sich schließlich zornig und erbittert entfernte. Am 24. Juni, am Tage Johannis des Täufers, morgens früh um sieben Uhr erschien er wieder, diesmal in Gestalt eines Jägers, mit finsterem Blick, einen roten, wunderlichen Hut auf dem Kopf. Wortlos zog er seine Pfeife hervor und ließ sie in den Gassen hören. Und in aller Eile kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mädchen, vom vierten Lebensjahr angefangen, in großer Zahl dahergelaufen. Darunter war auch die schon erwachsene Tochter des Bürgermeisters.

Der ganze Schwarm von Kindern zog hinter dem Mann her, und er führte sie vor die Stadt zu einem Berg hinaus, wo er mit der ganzen Schar verschwand. Dies hatte ein Kindermädchen gesehen, das mit einem Kind auf dem Arm weit rückwärts nachgezogen war, dann aber umkehrte und die Kunde in die Stadt brachte. Die Eltern liefen sogleich haufenweise vor alle Tore und suchten jammernd ihre Kinder. Besonders die Mütter klagten und weinten herzzerreißend. Sofort wurden Boten zu Wasser und zu Land an alle Orte umhergeschickt, die nachforschen sollten, ob man die Kinder oder auch nur einige von ihnen irgendwo gesehen habe; aber alles Suchen war vergeblich.

Hundertdreißig Kinder gingen damals verloren. Zwei sollen sich, wie man erzählt, verspätet haben und zurückgekommen sein, wovon aber das eine blind, das andere taubstumm war. Das blinde Kind konnte den Ort nicht zeigen, wo es sich aufgehalten hatte, wohl aber erzählen, wie sie dem Spielmann gefolgt waren, das taubstumme Kind nur den Ort weisen, da es nichts gehört hatte und auch nicht sprechen konnte. Ein kleiner Knabe war im Hemd mitgelaufen und nach einiger Zeit umgekehrt, um seinen Rock zu holen, wodurch er dem Unglück entgangen war; denn als er zurückkam, waren die andern schon in der Senkung hinter dem Hügel verschwunden. Die Straße, auf der die Kinder zum Tor hinausgezogen waren, hieß später die bunge-lose (trommeltonlose, stille) Straße, weil kein Tanz darin abgehalten und kein Saitenspiel aufgeführt werden durfte. Ja, wenn eine Braut mit Musik zur Kirche geführt wurde, mussten die Spielleute in dieser Gasse ihr Spiel unterbrechen. Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt der Poppenberg. Dort sind links und rechts zwei Steine in Kreuzform zur Erinnerung an dies traurige und seltsame Ereignis errichtet. Die Bürger von Hameln haben diese Begebenheit in ihrem Stadtbuch verzeichnen lassen. Im Jahre 1572 ließ der Bürgermeister die Geschichte auf den Kirchenfenstern abbilden.







Montag, 14. Dezember 2015

Der Fuchs und der Waldarbeiter • Rechtschaffenheit • Fabel von Aesop


Ein vor Jägern fliehender Fuchs fand, nachdem er lange in der Wildnis herumgelaufen war, endlich einen Waldarbeiter und bat denselben inständig, ihn doch bei sich zu verbergen. Dieser zeigte ihm seine Hütte, worauf der Fuchs hineinging und sich in einem Winkel versteckte. 

Als die Jäger kamen und sich bei dem Manne erkundigten, so versicherte dieser zwar durch Worte, er wisse nichts, deutete aber mit der Hand nach dem Orte hin, wo der Fuchs versteckt war. Allein die Jäger hatten nicht darauf geachtet und entfernten sich sogleich wieder. 

Wie nun der Fuchs sie fortgehen sah, ging er wieder  aus der Hütte heraus, ohne etwas zu sagen. Als der Waldarbeiter ihm Vorwürfe machte, dass er ihm, durch den er doch gerettet worden sei, keinen Dank bezeuge, drehte sich der Fuchs nochmals um und sprach: "Ich wüsste dir gerne Dank, wenn die Werke deiner Hand und deine Gesinnung mit deinen Reden im Einklang ständen." 

Lehre:
Diese Fabel geht jene an, welche zwar die Rechtschaffenheit im Munde führen, deren Taten  jedoch das Gegenteil bezeugen.







Freitag, 11. Dezember 2015

Florenz | Hauptstadt der Toskana | Florentia oder die Blühende


Florenz, Provinz-Hauptstadt der Toskana mit Sitz einer bekannten Universität und eines Erzbischofs, wird wegen ihrer malerischen Lage zu beiden Seiten des Arno auch 'la Bella' genannt. Die Stadt war vom Mittelalter an bis zur Neuzeit Mittelpunkt der geistigen Entwicklung Europas. Von hier ging auch die Schöpfung der italienischen Sprache und Literatur aus, man denke dabei an Dante Alighieri, Giovanni Boccaccio oder Francesco Petrarca, und von hier erwuchs die Blüte der italienischen Kunst.




Sehenswürdigkeiten:


Piazza della Signora  
Palazzo degli Uffizi  
Palazzo Strozzi  
Accademia di Belle Arti  
Ponte Vecchio 
Boboli-Garten 



Zur Geschichte:

  • 50 v. Chr. erhält 'Florentia' die Stadtrechte. 
  • 1282 reißen die Zünfte die Regierung an sich. Ihre Priori (Vorsteher) treten als Signoria an die Spitze der Verwaltung. 
  • 1302 wird Dante auf Lebenszeit aus seiner Heimatstadt Florenz verbannt.
  • 1434 kommt die reiche Kaufmannsfamilie Medici an die Macht. Ihre bedeutendsten Mitglieder sind Cosimo 'Il Vecchio'  und Lorenzo 'Il Magnifico' . Unter diesen beiden wird die Republik Florenz in Europa Mittelpunkt von Kunst, Wissenschaft, Handel und Geldverkehr. 
  • 1494 besetzt Karl VIII.  von Frankreich Florenz und die Medici werden Vertrieben. 
  • 1498 stirbt der Bußprediger Savonarola, ein Gegner der Medici, als Ketzer.
  • 1512 kehren die Medici nach Florenz zurück.
  • 1532 wird Alessandro di Medici von Karl V. als erblicher Herzog eingesetzt, regiert aber nur fünf Jahre. 
  • 1537 wird Alessandro von seinem Vetter Lorenzino ermordet. Nachfolger wird der junge Cosimo I.
  • 1569 wird Cosimo I. von Paps Pius V. als Großherzog bestätigt. 
  • 1737 sterben die Medici aus. Das Haus Lothringen erhält die Toskana als Reichslehen. Habsburg-Lothringen herrscht bis 1859.
  • 1865 Florenz wird Hauptstadt des neuen Königreichs Italien.





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Mittwoch, 9. Dezember 2015

Wie ist der Maßstab auf einer Landkarte anzusetzen? • Zahlenrätsel


Auf einer Landkarte 
mit dem Maßstab 1:10000 
entsprechen 1 cm auf der Karte 
wie viel Meter in der Natur?



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Dienstag, 8. Dezember 2015

Ein Meister ländlicher Schule ⋅ Johann Wolfgang Goethe


Ein Meister einer ländlichen Schule
Erhob sich einst von seinem Stuhle,
Und hatte fest sich vorgenommen
In bessere Gesellschaft zu kommen;
Deswegen er, im nahen Bad,
In den sogenannten Salon eintrat.

Verblüfft war er gleich an der Tür,
Als wenn's ihm zu vornehm widerführ;
Macht daher dem ersten Fremden rechts
Einen tiefen Bückling, es war nichts Schlechts,
Aber hinten hätt er nicht vorgesehen,
Dass da auch wieder Leute stehen,
Gab einem zur Linken in den Schoß
Mit seinem Hintern einen derben Stoß.

Das hätt er schnell gern abgebüßt;
So stößt er rechts einen andern an,
Er hat wieder jemand was Leids getan.
Und wie er's  diesem wieder abbittet,
Er's wieder mit einem andern verschüttet.
Und komplimentiert sich zu seiner Qual,
Vor vorn und hinten, so durch den Saal,
Bis ihm endlich ein derber Geist
Ungeduldig die Türe weist.

Da er nun seine Straße ging,
Dacht er: ich machte mich zu gering;
Will mich aber nicht weiter schmiegen;
Denn wer sich grün macht, den fressen die Ziegen.
So ging er gleich frisch querfeldein,
Und zwar nicht über Stock und Stein;
Sondern über Äcker und gute Wiesen,
Zertrat das alles mit latschen Füßen.

Ein Bauer begegnet ihm so
Und fragt nicht weiter wie? noch wo?
Sondern schlägt ihm tüchtig hinter die Ohren.
Bin ich doch gleich wie neugeboren!
Ruft unser Wandrer hochentzückt.
Wer bist du Mann, der mich beglückt?
Möchte mich Gott doch immer segnen,
Dass mir so fröhlich Gesellen begegnen!





Montag, 7. Dezember 2015

Der Löwe und der Esel • Teamarbeit • Fabel von Aesop

Der Löwe und der Esel schlossen ein Bündnis und gingen miteinander auf die Jagd. Zufällig kamen sie zu einer Höhle, in welcher wilde Ziegen waren. Da beschlossen sie, dass der Esel in die Höhle treten und ein Geschrei machen solle, um die Ziegen zu erschrecken, damit sie aus der Höhle fliehen und der Löwe sich der Herauskommenden bemächtigen könne. 

Nachdem dies so geschah und der Löwe die meisten ergriffen hatte, trat der Esel wieder ins Freie und fragte seinen Gefährten, ob er denn nicht tapfer gekämpft und die Ziegen ordentlich heraus gescheucht habe. Der Löwe antwortete ihm: "Ich selbst hätte es nicht besser machen können und mich gefürchtet, wenn ich nicht gewusst hätte, dass du es bist." 

Lehre:
Teamarbeit • Ein jeder tue, was er besser kann, ein jeder nach seinem Vermögen.




Samstag, 5. Dezember 2015

Der Heilige Nikolaus • Patron der Pfandleiher und Bankiers


Der Hl. Nikolaus war der Überlieferung zufolge der Bischof von Myra.

Gesicherte historische Nachrichten über das Leben und Wirken von Nikolaus gibt es nicht. Der Kult um Nikolaus entwickelte sich erst zu Beginn des 6. Jahrhunderts. Kaiser Justinian weihte ihm eine Kirche in Konstantinopel - dem heutigen Istanbul. Der Kult verbreitete sich über Griechenland, wo er als "Hyperhagios", "Überheiliger", verehrt wird, in die ganze Welt. In der orthodoxen Tradition gilt Nikolaus als einer der am meisten verehrten Heiligen. Nikolaus ist unter anderem auch Patron der Pfandleiher und Bankiers.

Legende:
Ein Christ hatte einem Juden, der ihm Geld geliehen hatte, im Namen des heiligen Nikolaus versprochen das Geld pünktlich zurückzuzahlen. Aber er tat es nicht, sondern behauptete, er habe den Betrag längst zurückgegeben. Als es in einer Gerichtsverhandlung dann zum Schwur kam, benutzte der Christ einen Trick: er versteckte das Geld im Inneren eines Stabes und bat den Juden, den Stab zu halten, damit er die Hände für den Schwur frei halten könne; dann schwor er, dass der Jude das Geld habe, nahm dann wieder den Stab zu sich und verließ mit dem Geld darin das Gerichtsgebäude. Wie das Schicksal es so wollte, kam der Christ später unter die Räder eines Wagens und starb; der Jude aber zeigte sich großzügig: er wollte das ihm gehörende Geld nur nehmen, wenn der Hl. Nikolaus den Christen wieder zum Leben erwecke, was dann auch geschah, woraufhin der Jude sich zum Christentum bekehrte.




Mittwoch, 2. Dezember 2015

Was ist das • Rätsel • Es ist im Wasser und man sieht es nicht!


Im Wasser wird es geboren,
Im Wasser lebt es fort,
Kaum dass es Wasser fühlt,
Verschwindet es sofort!



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Dienstag, 1. Dezember 2015

Altes Lied über die Liebe • Ballade • Heinrich Heine


Es war ein alter König,
Sein Herz war schwer, 
Sein Haupt war grau;
Der arme alte König,
Er nahm eine junge Frau.

Es war ein schöner Page,
Blond war sein Haupt, 
Leicht war sein Sinn;
Er trug die seidene Schleppe
Der jungen Königin.

Kennst du das alte Lied?
Es klingt so süß, 
Es klingt so trüb!
Sie mussten beide sterben,
Sie hatten sich viel zu lieb.






Montag, 30. November 2015

Der Löwe, der Bär und der Fuchs • Streit • Fabel von Aesop

Ein Fuchs war einmal auf Jagd gegangen, einen guten Bissen zu erbeuten. Er war noch nicht lange unterwegs, als er ein lautes Streiten vernahm. Ein Bär schlug mit seinen Tatzen nach einem Löwen und fauchte ihn wütend an: "Ich war der erste beim Lamm. Die Beute gehört mir, ich habe das Tier gefangen." "Nein!" brüllte der Löwe zornig zurück. "Du lügst! Ich war als erster hier, und darum gehört die Beute mir." Er wehrte sich kräftig und schnappte mit seinen scharfen Zähnen nach dem Fell des Bären. 

Der Löwe und der Bär kämpften verbissen miteinander. Dem Fuchs erschien der Kampf endlos zu sein. Nicht weit entfernt lag die Streitbeute achtlos am Boden und er musste sich zusammenreißen, dass er sich nicht gleich auf das tote Lamm stürzte. Aber er war klug und sagte sich: "Sind die Streitenden erst erschöpft, dann können sie mir nichts mehr anhaben." 

Als der Bär und der Löwe nach unerbittlichem Kampf endlich kraftlos zusammenbrachen, waren sie tatsächlich nicht mehr fähig, sich zu rühren. Der Fuchs schritt nun furchtlos an ihnen vorbei und holte sich gefahrlos das gute Stück. Er verneigte sich noch höflich und sagte: "Danke, meine Herren, sehr freundlich, wirklich sehr freundlich!" Lachend zog er mit seinem guten Beutestück ab.

Lehre:
Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.






Freitag, 27. November 2015

Farbenphänomene • Blau • Johann Wolfgang Goethe

So wie das Gelb immer ein Licht mit sich führt, so kann man sagen, dass das Blau immer etwas Dunklers mit sich führe. Diese Farbe macht für das Auge eine sonderbare und fast unaussprechliche Wirkung. Sie ist als Farbe eine Energie; allein sie steht auf der negativen Seite und ist in ihrer höchsten Reinheit gleichsam ein reizendes Nichts. Es ist etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick.

Wie wir den hohen Himmel, die fernen Berge blau sehen, so scheint eine blaue Fläche auch vor uns zurückzuweichen. Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der vor uns flieht, gern verfolgen, so sehen wir das Blaue gern an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht.

Das Blaue gibt uns ein Gefühl von Kälte, so wie es uns auch an Schatten erinnert. Wie es vom Schwarzen abgeleitet sei, ist uns bekannt. Zimmer, die rein blau austapeziert sind, erscheinen gewissermaßen weit, aber eigentlich leer und kalt. Blaues Glas zeigt die Gegenstände im traurigen Licht. Es ist nicht unangenehm, wenn das Blau einigermaßen vom Plus partizipiert. 







Mittwoch, 25. November 2015

Wie viele Buchseiten hat Oscar am ersten Tag gelesen?

Oscar liebt spannende Krimis. Als sein absoluter Lieblings-Schriftsteller einen neuen 600-seitigen Roman veröffentlicht, liest er das Buch innerhalb von nur sechs Tagen komplett durch. Danach stellt er fest, dass er jeden Tag 20 Seiten mehr als am Tag zuvor gelesen hat.

Wie viele Seiten hat Oscar am ersten Tag gelesen?



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Dienstag, 24. November 2015

Erlkönig • Ballade • Johann Wolfgang von Goethe


Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif?
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

"Du liebes Kind, komm geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir;
Manch' bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!
In dürren Blättern säuselt der Wind.

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düsteren Ort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt."
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan"

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Müh und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.








Montag, 23. November 2015

Der Adler und die Schildkröte • Torheit • Fabel von Aesop


Eine Schildkröte bat einen Adler, ihr Unterricht im Fliegen zu geben. Der Adler suchte es ihr auszureden, aber je mehr er sich bemühte, ihr das Törichte ihres Wunsches klarzumachen, desto mehr beharrte sie darauf. Ihrer dringenden Bitten müde, nahm der Adler sie dann endlich mit in die Luft und ließ sie ungefähr turmhoch los aus seinen Fängen, damit sie fliege; zerschmettert lag sie auf der Erde und musste so ihre Torheit büßen. 

Lehre: 
Trachte nicht nach Dingen, die die Natur dir versagt hat. Was die Natur versagt, kann niemand geben.






Freitag, 20. November 2015

Die Freiheit • Das höchste Gut des Menschen • Epiktet

Böcklin • Libertas
Man sagt, das höchste Gut des Menschen sei die Freiheit. Ist die Freiheit wirklich ein Heil, so kann ein freier Mensch nicht unglücklich sein. Sieht man also, dass ein Mensch unglücklich ist, leidet und jammert, so weiß man, dieser Mensch ist nicht frei: er wird unbedingt von irgend jemand oder irgend etwas geknechtet. 

Ist die Freiheit ein Heil, so kann ein freier Mensch kein freiwilliger Sklave sein. Wenn man also sieht, dass sich ein Mensch vor anderen erniedrigt, ihnen schmeichelt - weiß man, dass dieser Mensch ebenfalls nicht frei ist. Er ist ein Knecht, der entweder eine Mahlzeit oder ein einträgliches Amt oder sonst noch etwas zu erlangen sucht, um über das zu verfügen, was nicht ihm gehört.

Ein freier Mensch verfügt nur über das, worüber er ungehindert verfügen kann. Ungehindert aber kann einer nur über sich selbst verfügen. Wenn man also sieht, dass jemand nicht über sich selbst, sondern über andere verfügen will, wo weiß man, er ist nicht frei; er ward zum Sklaven seines Wunsches, über die Menschen zu herrschen. (Epiktet)






Mittwoch, 18. November 2015

Wie lange braucht ein Bücherwurm um sich durch drei Buchbände zu fressen?


Ein fleißiger Bücherwurm frisst sich durch drei Buchbände, 
die übereinander im Bücherschrank liegen. 
Er beginnt auf Seite eins des ersten Bandes. 

Für eine Einbanddecke braucht er einen Tag, 
für die gesamten Druckblätter eines Bandes je drei Tage!

Wie lange braucht er bis zur letzten Seite des dritten Bandes?



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Dienstag, 17. November 2015

Der Bergmönch im Harz • Sage • Brüder Grimm

Zwei Bergleute arbeiteten immer gemeinschaftlich. Einmal als sie anfuhren und vor Ort kamen, sahen sie an ihrem Geleucht, dass sie nicht genug Öl zu einer Schicht auf den Lampen hatten. "Was fangen wir da an?" sprachen sie miteinander, "geht uns das Öl aus, so dass wir im Dunkeln sollen zutag fahren, sind wir gewiss unglücklich, da der Schacht alleine schon gefährlich ist. Fahren wir aber jetzt gleich aus, um von zu Haus Öl zu holen, so straft uns der Steiger und das mit Lust, denn er ist uns nicht gut." Wie sie also besorgt standen, sahen sie ganz fern in der Strecke ein Licht, das ihnen entgegenkam. Anfangs freuten sie sich, als es aber näher kam, erschraken sie gewaltig, denn ein ungeheurer, riesengroßer Mann ging, ganz gebückt, in der Strecke herauf. Er hatte eine große Kappe auf dem Kopf und war auch sonst wie ein Mönch angetan, in der Hand aber trug er ein mächtiges Grubenlicht. Als er bis zu den beiden , die in Angst und Schrecken da stillstanden, geschritten war, richtete er sich auf und sprach: "Fürchtet euch nicht, ich will euch kein Leid antun, vielmehr Gutes", nahm ihr Geleucht und schüttete Öl von seiner Lampe darauf. Dann aber griff er ihr Gezäh und arbeitete ihnen in einer Stunde mehr, als sie selbst in der ganzen Woche bei allem Fleiß herausgearbeitet hätten. Nun sprach er: "Sagt's keinem Menschen je, dass ihr mich gesehen habt", und schlug zuletzt mit der Faust links an die Seitenwand; sie tat sich auseinander, und die Bergleute erblickten eine lange Strecke, ganz von Gold und Silber schimmernd. Und weil der unerwartete Glanz ihre Augen blendete, so wendeten sie sich ab; als sie aber wieder hinschauten, war alles verschwunden. Hätten sie ihre Bilhacke (Hacke mit einem Beil) oder sonst nur einen Teil ihres Gezähs hineingeworfen, wäre die Strecke offen geblieben und ihnen viel Reichtum und Ehre zugekommen; aber so war es vorbei, wie sie die Augen davon abgewendet. 

Doch blieb ihnen auf ihrem Geleucht das Öl des Berggeistes, das nicht abnahm und darum noch immer ein großer Vorteil war. Aber nach Jahren, als sie einmal am Sonnabend mit ihren guten Freunden im Wirtshaus zechten und sich lustig machten, erzählten sie die ganze Geschichte, und Montagsmorgen, als sie anfuhren, war kein Öl mehr auf der Lampe, und sie mussten nun jedesmal wieder, wie die andern, frisch aufschütten.







Sonntag, 15. November 2015

Der Wolf und die Ziege • Versprechen und Vertrauen • Fabel Aesop

Auf einem sehr steilen Felsen erblickte ein Wolf eine Ziege. "Komm doch", rief er ihr zu, "auf diese schöne fette Wiese herab, wo du die trefflichsten Gräser und Kräuter findest, während du dort oben darbest."

"Ich danke dir schön für dein Anerbieten", sprach die kluge Ziege, die wohl die Absicht des Wolfes erkannte. "Dir liegt mehr an meinem Fleisch als an meinem Hunger. Hier oben bin ich vor dir sicher, während du mich dort unten sofort verschlingen würdest." 







Freitag, 13. November 2015

Farbenphänomene • Gelb • Johann Wolfgang Goethe

Gelb ist die nächste Farbe am Licht. Sie entsteht durch die gelindeste Mäßigung desselben, es sei durch trübe Mittel oder durch schwache Zurückwerfung von weißen Flächen. Bei den prismatischen Versuchen erstreckt sie sich allein breit in den lichten  Raum und kann dort, wenn die beiden Pole noch abgesondert voneinander stehen, ehe sie sich mit dem Blauen zum Grünen vermischt, in ihrer schönsten Reinheit gesehen werden. Wie das chemische Gelb sich an und über dem Weißen entwickelt, ist gehörigen Orts meist umständlich vorgetragen worden.

Das Gelb führt in ihrer höchsten Reinheit immer die Natur des Hellen mit sich und besitzt eine heitere, muntere, sanft reizende Eigenschaft.

In diesem Grade ist sie als Umgebung, es sei als Kleid, Vorhang, Tapete, angenehm. Das Gold in seinem ganz ungemischten Zustand gibt uns, besonders wenn der Glanz hinzukommt, einen neuen und hohen Begriff von dieser Farbe; so wie ein starkes Gelb, wenn es auf glänzender Seide, zum Beispiel auf Atlas erscheint, eine prächtige und edle Wirkung tut. 

So ist es der Erfahrung gemäß, dass das Gelbe einen durchaus warmen und behaglichen Eindruck macht. Daher kommt es auch in der Malerei der beleuchteten und wirksamen Seite zu. Diesen erwärmenden Effekt kann man am lebhaftesten bemerken, wenn man durch ein gelbes Glas, besonders in grauen Wintertagen, eine Landschaft ansieht. Das Auge wird erfreut, das Herz ausgedehnt, das Gemüt erheitert; eine unmittelbare Wärme scheint uns direkt anzuwehen. 








Donnerstag, 12. November 2015

Wien ist immer eine Reise wert • Mythos einer Kaiserstadt


Wohl über kaum eine andere Stadt gibt es so viele vorgefertigte Bilder wie über Wien: die Stadt der Operette, des Walzers und des Fiakers, eines Schubert und Beethoven oder das Wien, wo auch die 'Gute Alte Zeit' noch immer ihren Platz hat. Diese Stadt aber so zu beschreiben, wie sie tatsächlich ist, ohne sie der Wirklichkeit zu entrücken, ist wohl ein schwieriges Unterfangen. 

Wien ist stolz darauf, auf eine große Vergangenheit zurückblicken zu können. Nicht zuletzt bedingt durch eine überaus günstige geographische Lage, spielte Wien durch nahezu zwei Jahrtausende eine bedeutsame historische Rolle: Wien, im Herzen Europas gelegen, liegt zwischen den Alpen und den Karpaten, wo sich im sogenannten Wiener Becken uralte Verkehrs- und Handelswege kreuzen. 

Wiens Seele lässt immer wieder neue Aspekte zu. Die Stadt wurde geprägt durch die Ausstrahlung verschiedenster Kulturen. Besucher sind immer wieder überrascht, wie hier das Widersprüchlichste zur Harmonie bewegt werden kann. Wolfgang Amadeus Mozart bezeichnete Wien als den herrlichsten Ort für sich und sein Metier. Die Stadt sei der beste Ort der Welt, erzählte er jedem, den er kannte.

Kaum anderswo ist das Studium der Architektur leichter als in dieser Donaustadt, wo sämtliche Stilarten und Stilepochen vorhanden sind. Berühmt sind die Wiener Malerschule, die seit dem 14. Jahrhundert besteht und auch die Wiener Literatur, die ihren Ursprung auf 'Fahrende und Scholaren' wie auf 'Neidhart von Reuental' zurückführt. Besonders erwähnt sei hier der Minnesänger Walther von der Vogelweide (1170-1230), der bereits am Hof der Babenberger ein beredtes Zeugnis für die damalige Pflege der Musik und Dichtkunst in Wien ablegte.   

Kult sind die Wiener Kaffeehäuser, sie bilden gleichsam eine Insel der Seligen. Diese sind keine gewöhnlichen Lokale, in denen man nur Kaffee trinkt, nein, sie wollen sich vielmehr als Institution verstanden wissen, die zur Stadt gehören wie das Riesenrad oder der Stephansdom. Wien ist immer eine Reise wert.







Mittwoch, 11. November 2015

Dienstag, 10. November 2015

Die Last der Sünden • Allegorie • Swami Sivananda

Eine Frau war sehr stolz. Sie glaubte, niemals eine Sünde begangen zu haben. Sie war überzeugt, sie würde nach ihrem Tod in dieser Welt unverzüglich in das Paradies eintreten. 

Eines Morgens kehrte sie ihr Haus. Versehentlich fiel ihr Besen auf eine Kakerlake, die sofort starb. Die Frau war äußerst entsetzt. Sie verlor fast den Verstand. "Wer nimmt jetzt diese Sünde auf sich? Wie kann ich mich von dieser Sünde rein waschen? Bisher habe ich nicht eine einzige Sünde begangen. Nun das! Was kann ich bloß tun?" Sie rannte mit der Kakerlake in der Hand den ganzen Tag hin und her. Äußerst verwundert sah sie dann auf dem Marktplatz eine Fischverkäuferin. Die Frau fragte diese, "Oh du Unglückliche! Was wird bloß aus dir wenn Du stirbst? Du tötest täglich so viele Kreaturen. Ich hatte bis heute Morgen nicht eine einzige Sünde begangen. Aber heute habe ich versehentlich diese Kakerlake getötet und ich möchte mich gerne von dieser Sünde rein waschen."

"Wirklich?" fragte die Fischfrau. "Mach dir keine Sorgen. Ich habe Millionen von Fischen getötet. Du hast keine Sünde begangen. Diese Sünde an der Kakerlake braucht dich nicht zu beunruhigen. Gib sie mir, ich gebe sie in diesen Korb voller "Fisch-Sünden". Du bist sofort davon befreit. Mach dir keine Sorgen, ich mache mir auch keine; eine zusätzliche Kakerlake macht bei dem Korb voller Fische keinen Unterschied mehr." Die Frau war höchst erfreut. Sie gab die tote Kakerlake der Händlerin, die sie in den Korb mit den Fischen legte. 

Es geschah nun, dass einige Jahre später beide Frauen am gleichen Tag starben. Ein himmlischer Wagen kam, um die Fischhändlerin in den Himmel zu führen, während Boten der Hölle sich der stolzen Frau näherten. Diese war verdutzt und wütend zugleich. Sie fragte die Boten: "Was? Ihr müsst euch irren! Ich bin nicht die Fischverkäuferin, die Sünderin! Ich bin die Fromme! Ihr müsst die Fischfrau mitnehmen, der Himmelswagen ist für mich!"

"Gute Frau", antworteten die Boten der Hölle, "wir irren uns nie. Du wirst in der Hölle erwartet. Die Fischhändlerin geht in den Himmel." 

"Aber wieso?" 

"Ach gute Frau, es war der Fischfrau ihre Aufgabe Fische zu verkaufen. Sie hat die Kreaturen nicht zu ihrem Vergnügen getötet, sondern in Erfüllung ihrer Aufgabe. Sie war ihrer Pflicht ergeben und gleichzeitig dem Höchsten und brachte all ihre Handlungen Gott dar und handelte als Sein Instrument. Daher verdient sie den Himmel. Du hingegen hast eine Kakerlake getötet und hattest das Gefühl 'Ich habe eine Kakerlake getötet'. Du hast ein paar Almosen gegeben und ein paar gute Taten getan, nur um Deinen Egoismus und Deinen Stolz zu nähren. In Deinem Stolz hegtest Du abfällige Gedanken über heilige und fromme Menschen. Du hast überhaupt nie an Gott gedacht. Du warst hochmütig und äußerst selbstsüchtig. Du bist sogar so weit gegangen, dass Du Deine Sünde auf die Fischhändlerin abwälzen wolltest. Sie hingegen war selbstlos und bereit auch Deine Sünde auf sich zu nehmen, um dich von Deinem Elend des Sündenbewusstseins zu befreien. Daher verdient Sie den Himmel und Du die Hölle. Komm jetzt, trödele nicht - weiter!"



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